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In Umfragen verlieren die Demoskopen

Freitag, 16.Oktober 2009 von

Aktuell

Eineinhalb Wochen nach der Bundestagswahl veröffentlichten RTL und das Nachrichtenmagazin Stern schon wieder Umfrageergebnisse, wie denn die Parteien nun dastehen würden, wäre am folgenden Sonntag Bundestagswahl. Nüchtern wird die SPD dort in einem erneuten Tief, nämlich bei einem Prozent Verlust gegenüber dem Wahlsonntag, gesehen. Sigmar Gabriel, dem bisher nicht gewählten Parteivorsitzenden, trauen demnach nur 32 % der Befragten zu, die SPD aus der Krise zu führen, knapp weniger als die Hälfte der Befragten unter den SPD-AnhängerInnen. Die Befragung erfolgte bereits einen Tag nach der Bundestagswahl bis zum 2. Oktober.

demoskDie Frage ist nur, wer sich so kurz nach der Bundestagswahl für derartige Umfragen interessiert. Noch ist der Wahlsonntag kaum verdaut, andere bejubeln ihre neuen Machtoptionen, da liegt es wohl eher fern, erneut zur Wahlurne zu rufen. Hinzukommt, dass für Umfragen dieser Art wohl jegliche Basis fehlt. Weder die neuen Koalitionäre konnten sich mit ihren Wahlversprechen beweisen, noch gab es Gelegenheit für die Opposition, etwas entgegen zu halten. Auch Nachwahlen, wie man sie 2005 in einem Dresdner Wahlbezirk zu erwarten hatte, stehen nicht an. Seriös scheinen diese Umfragen deshalb nicht zu sein.
Stattdessen geben sie den Demoskopen selbst Gelegenheit, sich zu äußern. Manfred Güllner, der Chef des Forsa-Instituts, welches die Ergebnisse für Stern und RTL sammelte, führt den niedrigen Wert der SPD auf innerparteiliche Diskussionen über den Umgang mit der Linkspartei zurück. Seine Worte: „Sucht die SPD ihr Heil im Linksrutsch, könnte sie bald schon unter die 20-Prozent-Marke fallen.“ Die Vermutung, hier wolle ein Umfrageinstitut selbst Politik machen, liegt damit nicht fern. Beim Vergleich der Umfrageergebnisse vor den letzten Wahlen mit den tatsächlichen Wahlergebnissen, ist eine Beurteilung anhand eines prognostizierten Stimmenverlustes von nur einem Prozent auch eher unangemessen. Kurios wird die Analyse erst recht, wenn anhand der ermittelten Werte die FDP, die laut Forsa bei 14 % landete, wegen ihrer erwarteten Regierungsbeteiligung als neue Volkspartei gesehen wird, wie das Manager Magazin es in seiner Online-Ausgabe schreibt.

Wer sich nun erneut darauf einlässt, das eigene politische Handeln an den Aussagen der Demoskopen zu orientieren, fällt zurück in alte Verhaltensmuster, die die Politik viel zu lange begleitet haben. Nicht die eigenen Inhalte waren tragendes Element der Parteienlandschaft der letzten Jahre, sondern die Schelte der Medien und der Blick auf die Umfragen. Bestes Beispiel dafür ist wohl die Amtszeit des gescholtenen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, der Rheinland-Pfalz mit absoluter Mehrheit als Ministerpräsident regiert und nach seinem Rücktritt als Bundesvorsitzender einstimmig im Amt als Vorsitzender der Landespartei bestätigt wurde.

dsc09919Nicht nachhaltiges Handeln, sondern kurzfristiges Agieren war tragendes Element der politischen Klasse. Parteitage waren wurden zum medialen Jubel einer zur Geschlossenheit verdammten Partei. Nicht inhaltliche Auseinandersetzungen fanden dort ihren Platz, sondern langanhaltender Applaus, der den Kameras hinter den Delegierten zeigen sollte: Wir stehen zusammen! So kam auch das erschreckende Bild am Wahlabend des 27. September zustande, als langanhaltender Jubel Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier im Innenhof des Willy-Brandt-Hauses empfing, kurz nachdem die Monitore ein für die SPD desaströses Wahlergebnis offenbarten.

Ein Politikwechsel muss deshalb auch bedeuten, Menschen wie Manfred Güllner demnächst nicht mehr das Gehör zu verschaffen, das sie sich wünschen. Demoskopen sollen Politik analysieren, sie nicht bewerten. Ihr Geschenk an Aufmerksamkeit bedeutet immer auch den Verlust an politischer Glaubwürdigkeit. Eben diese will aber die SPD in den nächsten Jahren zurück gewinnen.

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3 Kommentare

  1. Kritiker sagt:

    Warum sollte man Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier nicht für einen gelungenen Wahlkampf danken und applaudieren?
    Ich finde es leicht ekelerregend, wie der Juso-Bundesvorstand direkt nach der Wahl auf Frontalangriff auf die aktuelle SPD-Spitze, die man vorher nach außen hin (auch in diesem Blog) unterstützte, umgestellt hat und nun versucht die SPD in die ihm genehmere, sehr linke Richtung zu drängen.

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. Robert sagt:

    Man sollte sich nicht an Umfragen festbeißen sondern versuchen, ordentliche Position zu erarbeiten und dafür dann in der Öffentlichkeit zu werben. Gute Politik muss in der Lage sein zu überzeugen, dass man auf gegebene Probleme die besseren Antworten hat als die politische Konkurrenz. Insofern gebe ich Martin vollkommen recht.

    @Kritiker: So gelungen kann der Wahlkampf ja nicht gewesen sein, wenn wir am Ende bei 23% liegen. Applaus ist also etwas übertrieben. Ein ehrliches “Danke” dürfte es auch tun.

    Das schließt im übrigen auch Kritik am Juso-Bundesverband nicht aus, der diesmal ja verantwortlich für den Jugendwahlkampf war und sich somit auch fragen lassen muss, wieso gerade bei den Jungwählern die größten (!) Stimmverluste zu verzeichnen sind. Wahrscheinlich kommt man mit dem selbst-gewählten Image eines “alternativ-angehauchten Retro-Sozialismus” an Humanwissenschaftlichen und Heilpädagogischen Fakultäten gut an. Die kulturelle Anschlussfähigkeit an die “otto-normal jungen Menschen” hat der Juso-Bundesverband mit Franzi an der Spitze inzwischen eingebüßt. So lese ich jedenfalls die verfügbaren Daten zur Bundestagswahl. Ich glaube es war Fabian Löffler (Vorsitzender Jusos RP), der es während des BuKos in München auf den Punkt gebracht hat indem er sagte: “Diese Jugendlichen (die nicht bereits bomben-links sind, Anmerkung Autor) wollen wir auch gar nicht bei den Jusos”. Da muss man sich nicht wundern, sind doch die Bundesjusos in ihrer Zusammensetzung auf Bundesebene genauso wenig “integrativ” und “breit aufgestellt” wie dies die Parteispitze in der Vergangenheit war. Wichtig wäre nun, dass sich der amtierende BuVo um eine bessere Integration aller Jusos einsetzt – mal abgesehen von Studiengebühren-Fans in unseren Reihen.

    Kritische und offene Analyse fängt erstmal in den eigenen Reihen an, insbesondere wenn einem in Zukunft an einem intergrativen Verband und einer Partei gelegen ist…

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  3. Der Beitrag ist in erster Linie nach innen gerichtet. Lag in den vergangenen Wahlperioden das prognostizierte Wahlergebnis noch im Bereich des realen Wahlergebnis, so hat sich das Verhalten der Bürger sehr stark verändert. Sie trauen nicht mehr jedem Frager.
    Maßgeblich für Untersuchungen und Befragungen sind erstmal die Anzahl der Befragten, ihre gesellschaftliche Stellung und ihre voraussichtliche Fragetauglichkeit.
    Die Demoskopen müssen sich fragen lassen, ob ihre Parameter noch stimmen. Nicht umsonst hat man sich in den Medien darauf geeinigt kurz vor der Wahl (4 Wochen) keine Ergebnisse mehr zu veröffentlichen.
    Für die Sozialdemokratie heißt das Ergebnis der letzten Bundestagswahl, endlich mal zu hinterfragen, ob das Regierungstaktieren ihnen nicht mehr geschadet haben, als genützt. Ob nicht Fehler auf kommunaler Ebene, z.B. bei den ARGEN, also den Auslegungen bei SGB II/III, mehr geschadet haben, als die Beschlüsse von Schröder.
    Wir sollten lieber dem Wähler die Wahrheit über unser Sozial- und Gesundheitssystem sagen, als permanent schönfärberei zu betreiben.
    Frau Merkel wird von den Konservativen bei CDU/CSU/FDP schon als bessere Sozialdemokratin geführt.
    Dieses sollte uns stark zu denken geben. Die Äußerungen einiger Vertreter unserer Partei haben mit ihrer Position, dem Anbiedern im Arbeitgeberlager und Atomkraft- und Kohlelager, sehr geschadet. Unsere Partei wird nicht mehr als Vertreter des Arbeitnehmerlagers, ganz zu Schweigen davon, als Vertreter des Bedürftigenlagers angesehen.
    Die anderen wählen sowieso das Original.
    GenossInnen haltet Euch Euren eigenen Spiegel vor die Nase, einige von Euch gehören auch zu den Nichtwählern. Danke für diese beschissene Unterstützung.
    Einer der sich bei dieser Wahl für diese Wahl geschunden hat.

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

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