Sklaverei der Moderne
Mittwoch, 9.Dezember 2009 von Bettina Schulze
Gestern war ich in einer Ausstellung zum Thema Zwangsprostitution und Frauenhandel, die derzeit von Terre des Femmes in Zusammenarbeit mit anderen Fraueninitiativen angeboten wird. Die Ausstellung arbeitet vor allem mit Bildmaterial, dass den Betrachter/die Betrachterin sehr direkt in die Welt, der Armut und der Gewalt stößt : „ohne Glanz und Glamour“ ist der Titel zu den Bildern. Die Ausstellung räumt mit gängigen Klischees über Prostitution, Sextourismus und Frauenhandel auf. Mir ist dabei nochmals bewusst geworden, dass unsere Gesellschaft einen ganz wichtigen Aspekt im alltäglichen Leben verdrängt: das heute – im Jahr 2009 – die Sklaverei immer noch nicht abgeschafft ist.
Sexhandel braucht ein System
Der weltweite Handel mit jungen Frauen funktioniert nur, weil wir weltweit eine Wohlstandsgefälle haben, dass Frauen (und auch Männer) in armen Ländern dazu zwingt, alles zu tun, um zu überleben. Die weltweiten Wirtschaftsstrukturen schaffen die Voraussetzung für das Funktionieren dieses Marktes. Davon abgesehen, funktioniert das System Sklaverei natürlich nur, weil es in den reichen Ländern eine ungebrochene Nachfrage nach billigem, ungeschützten Sex ohne Grenzlinien für bestimmte Sexualpraktiken gibt. Frauen, die unter Zwang stehen, können keine Praktiken oder Freier ablehnen. Sie werden von den Menschenhändlern mit Gewalt und Drohungen dazu gezwungen, jegliches „Spiel“ mitzuspielen. Das Ausnutzen der wehrlosen Situation dieser Frauen ist für mich ein Skandal ohne Gleichen. Sex auf Kosten der seelischen und körperlichen Integrität anderer, ist für mich auch ein typisches Verhalten einer völlig durchrationalisierten und rücksichtslosen Konsumgesellschaft, die nach dem Motto: „Ich nehme mir, was ich brauche und alles andere ist mir scheißegal“ handelt.
Empörung gering
Frauenhandel zu bekämpfen, wird nicht möglich sein, ohne die Strukturen zu bekämpfen, die den Sexhandel erst ermöglichen. Von einem fairen Weltwirtschaftssystem oder gar einem Bewusstsein dafür, dass Frauen Menschen und keine Ware sind, sind wir jedoch weit entfernt. Ich finde, dass die Empörung über den Handel mit Frauen und den Sextourismus sehr viel größer sein müsste. Außer den Frauenverbänden interessiert sich kaum jemand für das Schicksal dieser Frauen. Der Grund ist meiner Meinung nach, dass diese Frauen nicht sichtbar sind. Ein Grund ist aber auch, dass wir möglicherweise uns einfach nicht dafür interessieren, dass es mitten in unserer Gesellschaft Sklaverei gibt. Prostitution: das ist eben normal und selbstverständlich. Zu welchem Preis dies in einer globalen agierenden und durchkapitalisierten Weltwirtschaft geschieht, sollten wir uns viel stärker vor Augen führen.

Tags: Frauenhandel, Globalisierung












“Zwangsprostitution gibt es nicht” sagen die Sozialberatungsstellen für Prostituierte der Fachtagung Prostitution, so wie es auch keine Zwangshaushälterinnen und keine Zwangserntehelfer gibt. Und doch existiert in weiten Bereichen des informellen Sektors Ausbeutung. Sex unter Zwang ist Mißbrauch oder Sexsklaverei. Und jeder Mißbrauchsfall ist einer zu viel und ist zu verfolgen. Dies ist aber bitte begrifflich sauber von Prostitution und Sexwork zu unterscheiden, wo eine grundsätzliche Entscheidungsfreiheit über ein einvernehmlich ausgehandeltes Tauschgeschäft besteht (Vertragsfreiheit), selbst dann wenn MigrantInnen und Frauen in unserer Gesellschaft strukturell vielfältig benachteiligt sind.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Ausgrenzung, Tabuisierung, Doppelmoral, Stigmatisierung und nach wie vor in vielen Teilaspekten der Prostitution bestehende Kriminalisierungen tragen eine große Mitschuld an den prekarisierenden Verhältnissen für die vielen Frauen, Männer und Transsexuelle in der Sexarbeit.
Prostituierte und ihre Kunden bekommen kaum Akzeptanz und Respekt und der medial vorherrschende Opferdiskurs dient dem Mediengeschäft (Auflage und Einschaltquoten), der Helferindustrie und NGOs (Spenden und Fördergelder), der Prostitutionseindämmung ebenso wie der Migrationskontrolle.
Wer genau in die Statistiken von Opfern und Tätern, von nur aufgespürten und auch verurteilten, von BKA und PKS schaut muß bemerken, daß die Fallzahlen im Verhältnis zum Umfang der tagtäglich nachgefragten und meist zur gegenseitigen zufriedenheit stattfindenden Sexdienstleistungen und zur Anzahl der Sexworker und Paysexkunden die Fallzahlen weit unter ca. 5 % liegen. Falls es überhaupt Zahlen für einen tabuisierten Lebensbereich geben kann, viele Fakten wurden ideologiegeleitet verdreht, hochfrisiert oder falsch weiterzitiert.
Bitte helft mit gemeinsam zu verhindern, daß in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, vulnerable Randgruppen wie Migranten und Prostituierte nicht zu Sündenbocken stilisiert werden können. Wehret den Anfängen.
Zahlreiche Studien, Quellenangaben und Selbstbezeugungen von Sexworkern im intl. Sexworker-Forum,
dem Vorläufer einer Sexworker-Gewerkschaft für A – CH – D.
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