Offener Leserbrief an den Chefredakteur des Vorwärts Uwe Knüpfer

Hallo Uwe Knüpfer,

„Jung. Und dann?“ lautet der Titel des aktuellen Vorwärts. Damit haben Sie tatsächlich ein sehr wichtiges, aktuelles und in den Medien zum Teil unterbelichtetes Thema zum Schwerpunkt der Ausgabe gemacht. Ich habe mich fast drauf gefreut, den Vorwärts zu lesen – das war in der Vergangenheit äußerst selten der Fall. In den vergangenen Jahren diente der Vorwärts ja stets dazu, das aktuelle politische Handeln der SPD-Führung ohne jeglichen analytischen Blick zu glorifizieren oder es wurden – noch schlimmer – direkt die SPD-SpitzenfunktionärInnen im Boulevardstil angehimmelt. Insofern finde ich die neue, von Dir initiierte Ausrichtung des vorwärts, bei der tatsächlich ein inhaltliches Thema im Vordergrund steht, sehr gelungen.

Wie immer habe ich aber dann den ganzen Vorwärts ersteinmal flüchtig durchgeblättert, um mir einen Überblick zu verschaffen. Als ich auf der letzten Seite angelangt war, hat es mir dann nicht nur die Stimmung gründlich verdorben, sondern fast den Magen umgedreht.

Der von David Füleki geschriebene/gezeichnete, aber von Dir, Uwe Knüpfer, verantwortete Comic ist wirklich die übelste und dümmste polemische Hetze, die ich im Vorwärts je gelesen habe. Das muss man erstmal hinkriegen.

Um auf einen Einwand, den ich jetzt von Dir erwarte, gleich einzugehen: Ja, mir ist klar, dass der Comic nicht ernsthafte Berichterstattung sein soll, sondern ein zumindest witzig gemeinter Comic. Aber auch mit solchen „lockeren“ Beiträgen wird ja eine politische Botschaft kommuniziert. Und diese Botschaft ist aus mehreren Gründen geradezu widerwärtig.

Erstens erfolgt eine pauschale Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremisten: Beide sind saudumm, unpolitisch, nur auf Krawall ausgerichtet. Nazis wollen offen bestimmte Gruppen in der Gesellschaft bekämpfen, nämlich AusländerInnen, ausländisch aussehende Menschen, Juden u.v.a.m. Linke wollen das nicht. Ich könnte jetzt näher begründen, warum diese Gleichsetzung analytisch völlig daneben ist, erspare mir das aber hier und biete an, im nächsten Vorwärts dazu einen Artikel zu veröffentlichen. An dieser Stelle nur: Die in dem Comic suggerierte Analyse ist wirklich völliger Bullshit. Sie schließt sich vollständig an den Kristina-Schröder-Sprech an und übertrifft diesen noch in seiner Blödheit.

Auch aus anderen Gründen ist dieser Beitrag schlichtweg unsäglich: Der Nazi ist ein sächselnder Eierkopp, der nicht richtig sprechen kann? Der Linke sieht aus wie ein Schwein? Nur die Redakteure sehen aus wie Menschen? Linke und Rechte zünden immer Autos an, als wäre nicht unlängst bewiesen worden, dass die zahlreichen Brandanschläge des letzten Jahres gerade keinen politischen Hintergrund hatten? Das ist alles so dumm, dass es brummt.

Dennoch wird es wirklich übel, wenn sich „der Linke“ im Comic als Mitglied eines „sozialistischen Jugendtreffs“ zeigt. Sozialistische Jugendverbände? Da fallen mir zwei ein: die Jusos und die Falken. Letztere bieten überall in der Republik Jugendtreffs und andere Freizeitangebote an. Dort werden Jugendliche für politische Themen interessiert, dort wird in jedem einzelnen „Jugendtreff“ so viel politische Bildung angeboten, wie es der Vorwärts in 100 Ausgaben nicht hinbekommt. Und diese wollte ihr ernsthaft mit Nazis auf eine Stufe stellen?

Ich habe als aktiver Juso schon viele massive Beleidigungen wegen meiner politischen Arbeit gehört, aber das ist mit Abstand die Schlimmste. Der Vorwärts hat mit diesem Comic vielen tausend aktiven Jusos und Falken direkt ins Gesicht geschlagen mit diesem „Extremismus-egal-in-welcher-Form-ist-scheiße-Comic“. Aber das einzige was wirklich „extrem“ ist, ist die Dummheit, Dreistigkeit und Unverschämtheit des Vorwärts, das diesen Comic abdruckt.

Mit sozialistischen Grüßen

Julian Zado

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60 Kommentare

  1. Irmi sagt:

    Martin, 14:03 schreibt „Als ich den Comic gelesen habe, dachte ich an Nazi-Hetzblätter wie etwa den “Stürmer”.“

    Wow. Wenn soviel Geschsichtsvergessenheit bei den Jusos common sense ist – was ich nicht hoffe – dann wundert es mich nicht, wenn manch eine/r nicht nur Rechtsaußen sondern auch Linksaußen eine Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Gesllschaft sieht.

    Denn was bedeutet das denn, wenn so ein Comic – nur weil er nicht ins eigene Weltbild paßt – schon mit Nationalsozialistischer Propaganda gleichgesetzt wird? Das heißt, er ist zu bekämpfen. Denn der Kampf gegen Rechts (oder Rechtsextremismus) ist ja wirklich common sense. Wenn damit aber unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Rechts/Faschismus/Neonazismus auch völlig legitime demokratische Diskurse delegitimiert und abgewürgt werden sollen, dann verstehe ich jetzt, warum so genannte konservative Parteien diesen Kampf nicht Seite an Seite mit den Jusos führen wollen.

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  2. Martin sagt:

    @Irmi

    „Denn was bedeutet das denn, wenn so ein Comic – nur weil er nicht ins eigene Weltbild paßt – schon mit Nationalsozialistischer Propaganda gleichgesetzt wird?“ Ich hab den Comic nicht gleichgesetzt. Ich hab lediglich darauf hingewissen, dass es bedeutende Ähnlichkeiten zwischen den Propagandamitteln gibt.

    „Wow. Wenn soviel Geschsichtsvergessenheit bei den Jusos common sense ist – was ich nicht hoffe“

    Man kann Ihre Gedanken nicht nachvollziehen, ich bin nicht geschichtsvergessen, wie kommen Sie darauf, dass ich geschichtsvergessen sein soll. Was habe ich den vergessen? Ihre Argumentation ist leider nicht verständlich. Wenn ich einen Artikel als hetzerisch bezeichne, dann hat das nur damit zu tun, dass es meine Meinung oder Ansicht ist. Im Übrigen hat der Artikel auch mich verletzt, diskriminiert und ausgegrenzt, dass haben die Nazis auch mit den Juden gemacht.

    „– dann wundert es mich nicht, wenn manch eine/r nicht nur Rechtsaußen sondern auch Linksaußen eine Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Gesllschaft sieht.“

    Diese Sichtweise ergibt sich aus der angeblichen „Geschichtsvergessenheit“. Aber woraus wollen Sie schließen, dass ich links außen bin. Sind nach Ihrer Ansicht alle Jusos links außen?

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  3. Leo Gnurpsnewoel sagt:

    Lieber Julian,

    auch von mir nochmal ein herzliches Dankeschön! Ich fände es auch sehr angemessen, wenn im nächsten Vorwärts die Gegenposition bezogen werden kann.
    Dies würde auch der öffentlichen Debatte gerecht werden, die Jusos, Falken u.v.a gemeinsam gegen die Extremismusdoktirn führen!

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  4. Alreech sagt:

    Ehrlich gesagt frage ich mich warum sich die Jusos und Falken bei „sozialistisch“ angesprochen fühlen ? 😉

    Eine echte sozialistische Jugendgruppe ist die Jugendoffensive gegen Stuttgart 21, die in Stuttgart gegen Kapital und Kommerz kämpft.
    Wo sind den die Jusos und Falken gewesen, als die Jugendoffensive am 30. September 2010 gegen Stuttgart 21 gestreikt hat, und auf harmlose Kinder eingeknüppelt wurden ?
    Laut Ursel Beck, eine betroffenen Mutter sind die Kinder dann sogar noch kriminalisiert worden.

    Echte sozialistische Aktionsformen finden sich auch nicht bei Jusos und Falken, oder haben sie z.B. schon an Blockaden und Politischen Generalstreiks teilgenommen, wie es Ursel Beck von der sozialistischen Alternative schon am 25. August 2010 gefordert hat um Stuttgart 21 zu verhindern ?

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 13 Daumen runter 20

  5. Jochen sagt:

    Bevor sich hier einige Jusos noch lächerlicher machen als sie es ohnehin schon getan haben, würde ich doch auch noch mal an die Facebook-Seite des Autors verweisen, wo er die letzten Tage mehrere extrem hoch frequentierte Diskussionen zu dem Comic mit den Lesern geführt hat.
    Dort wird auch alles geklärt, was es zu klären gibt.

    http://www.facebook.com/profile.php?id=100001154343536

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  6. Dirk O. sagt:

    Es gibt keine estremistischen Probleme von links!
    So siehts aus!

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 4 Daumen runter 9

  7. Knochen sagt:

    @Jochen: Ganz toll das die „extrem hoch“ frequentierten Diskussionen nur auf einer Plattform geführt werden, von der umfassend bewiesen ist, dass sie Daten von NutzerInnen sammelt, auswertet und autoritären Regimes zur Verfügung stellt. Da fühle ich mich als potentieller „Extremist“ doch gleich viel diskussionsfreudiger…

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  8. gerhard sagt:

    Jener Comic hätte auch genausogut in der „Jungen Freihit“ erscheinen können. Dies sagt einiges über die SPD aus.

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