Der süße Brei ist ausgelöffelt
Eine nachhaltige Ernährung und Landwirtschaft ist die globale Verantwortung Europas
von Tom Leonhardt
Das Engagement von Investoren aus Europa, Asien und Nordamerika in Entwicklungsländern klingt vielversprechend. Während die landwirtschaftlichen Flächen in den Industrieländern weitestgehend erschöpft sind, besteht in der Intensivierung der Landwirtschaft in schwach entwickelten Regionen die Chance, den weltweiten Hunger von aktuell 1 Milliarde Menschen zu stillen. Laut Experten wäre es darüber hinaus bereits zum derzeitigen Stand der Technik möglich, auf den vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen die Ernährung für über 9 Milliarden Menschen sicher zu stellen.
Mehr Lebensmittel = weniger Hunger. Eine einfache Rechnung, deren Ergebnis, aber offenbar nur auf den ersten Blick stimmt. Die moderne Landwirtschaft steht aktuell und auch in Zukunft verschiedensten Aufgaben und Herausforderungen gegenüber. Wie sämtliche anderen Ressourcen sind vor allem Anbauflächen ein begrenztes Gut. In den kommenden Jahrzehnten wird es voraussichtlich zu einer schwierigen Situation kommen. Während die weltweite Bevölkerung weiter zunimmt, werden angesichts des Klimawandels in zunehmendem Maße Anbauflächen in Wüsten verwandelt. Es ist höchste Zeit unsere zukünftigen Prioritäten in der Landwirtschaft richtig zu setzen.
Teller oder Tonne?
Weltweit wird schon derzeit eine Nahrungsmenge produziert, die den Bedarf von 8 Milliarden stillen könnte. Die Gründe, warum sowohl in Entwicklungsländern als auch in Industrieländern ein Drittel der Lebensmittel nicht verzehrt werden, sind sehr unterschiedlich. Während in Entwicklungsländern fast ausschließlich Verluste in der Produktion und Transportkette zum Endverbraucher z.B. durch unzureichende Verpackung und Kühlung die Lebensmittelgrundlage verringern, werden in den Industrieländern vor allem durch das Wegwerfen Lebensmittel vernichtet.
Teller oder Trog?
Durch den wachsenden Wohlstand in Entwicklungs- und vor allem Schwellenländern steigt auch die globale Nachfrage nach einer vielseitigen Ernährung, insbesondere nach tierischen Eiweißen. Die moderne Landwirtschaft vor allem in Europa hat sich weit von der traditionellen und gut verträglichen Viehwirtschaft auf Weiden und kleineren Ställen hin zu einer industriellen Viehwirtschaft in Mastanlagen entwickelt. Aufgrund der Größe dieser Anlagen ist der überwiegende Teil auf Futtermittelzukauf angewiesen. Dabei wird für die Herstellung z.B. von 1 kg Fleisch oder Milch eine Menge an pflanzlichen Futtermitteln wie Mais und Soja von 5-10 kg benötigt, die auf konventionellen Äckern produziert und fast ausschließlich von außerhalb Europas importiert werden.
Teller oder Tank?
Spätestens mit der Energiewende in Deutschland ist auch die Nachfrage nach Biomasse und deren Umwandlung in Wärme, Strom und Kraftstoffe deutlich gestiegen. Die Energie aus Biomasse wird letztlich CO2 neutral umgewandelt und ist vielseitig einsetzbar. Viele ungenutzte Reststoffe aus der Landwirtschaft wie Stroh oder Gülle, organische Abfälle oder Klärschlamm können so einer sinnvollen Weiterverwendung zugeführt werden. Aufgrund ständig steigender Energiepreise wird es darüber hinaus für viele Landwirte zunehmend lukrativer komplette Anbauflächen für den Anbau von Energiepflanzen zu nutzen.
Das große Heilsversprechen der Landwirtschaft besteht im ständigen Nachwachsen ihrer Produkte. Die genannten Fragestellungen sind nur eine grobe Auswahl von Möglichkeiten für die Verwendung von landwirtschaftlichen Flächen. Es muss jedem klar sein, dass nicht alle Aufgaben und Verwendungsmöglichkeiten durch die vorhandenen Flächen erreicht werden können. Auch wenn der Fokus der Verwendung dieser Flächen für die meisten zu allererst der Ernährung dient, so hängt die tatsächliche Verwendung vor allem von der Wirtschaftlichkeit ab. Die europäische Agrarpolitik hat mit ihren umfangreichen Agrarsubventionen ein bedeutendes Instrument zur Steuerung der Landwirtschaft. Diese ermöglichen den Landwirten weitestgehend unabhängig von den Zwängen der Märkte eigene Wege zu gehen, die nicht zwangsläufig am kurzfristigen Profit orientiert sind. Die europäische Landwirtschaft hat mithilfe dieser Förderungen und dem langjährigen Wissen bewährter Anbautechniken bereits grundlegende nachhaltige Methoden im Einsatz. Ein Großteil der Bauern halten z.B. Fruchtfolgen auf ihren Feldern ein und verwenden unterschiedliche Typen von Saatgut. Schädlinge wie der Maiswurzelbohrer, die in Monokulturen wie z.B. im Corn Belt in den USA riesige Schäden anrichten, sind daher in Europa von wesentlich geringer Bedeutung. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die wirtschaftliche Bedeutung genveränderter Pflanzen zum Beispiel mit Schädlingsresistenz in Europa deutlich niedriger.
Dennoch sollten uns einige Entwicklungen Anlass zu weiterem entschlossenen Handeln geben. Die steigende Produktion von Milch und Fleisch hat beispielsweise weitreichende Folgen nicht nur für Europa. Der bemerkenswerte Vorteil ist, dass jederzeit eine große Menge dieser tierischen Produkte zu günstigen Preisen verfügbar ist. Der entscheidende Motor für die steigende Produktion liegt aber weniger in der Nachfrage nach den Produkten, als mehr in deren Wirtschaftlichkeit für die Landwirte. Die Herstellung von Milch und Fleisch findet heute in großen Teilen vollautomatisiert statt, wodurch ein sehr geringer Personalaufwand entsteht. Die Investitionskosten für die kapitalintensiven Anlagen werden durch die EU und z.B. durch die Bundesländer mit Subventionen und günstigen Krediten unterstützt. Hinzukommend werden für den Export von Milch und Fleisch Mindestpreise festgelegt. Liegt der Weltmarktpreis unter dem Mindestpreis, so wird dem Bauern die Differenz von der EU erstattet.
Die günstigen Bedingungen für eine industrielle Viehwirtschaft haben einen weitreichenden Einfluss auf die weltweite Landwirtschaft und die Verwendung von Agrarflächen. Wie bereits erwähnt, werden die notwendigen Futtermittel fast ausschließlich auf konventionellen Äckern außerhalb Europas produziert. Ein Großteil dieser Futtermittel besteht aus gentechnisch veränderten Pflanzen. So werden bei der besonders eiweißhaltigen Pflanze Soja 60-70% der genveränderten Sojasorte „Roundup Ready“ importiert, die gegen das Totalunkrautvernichtungsmittel „Round Up“ resistent ist. Der vorwiegende Anbau findet dabei in Monokulturen in Brasilien statt. Die Erschließung dieser landwirtschaftlichen Flächen findet unter einem üblichen Schema statt, welches mit der Rodung des Regenwaldes beginnt, mit Viehhaltung weitergeführt wird und schließlich im halbwegs ertragreichen Sojaanbau mündet. Obwohl in Brasilien selbst ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Hunger leidet, exportiert das Land in steigendem Umfang Soja und zunehmend auch daraus hergestellten Biokraftstoff, da die Vermarktung wirtschaftlicher ist, als der Anbau und Verkauf von Nahrungsmitteln. Dennoch profitieren von den Preisen der Futtermittel vor allem die europäischen Bauern. Die günstigen Produktionsbedingungen ermöglichen Ihnen selbst die Lebensmittelpreise in Entwicklungsländern in Afrika zu unterbieten, wodurch die örtlichen Bauern inzwischen zunehmend von Armut betroffen sind.
Das Beispiel der zunehmenden Viehwirtschaft zeigt einerseits wie tiefgreifend Europa die globale Landwirtschaft und Entwicklung beeinflusst. Auf der anderen Seite sollte auch klar werden, dass die EU mit Ihren Subventionen entscheidende Anreize zur Steuerung der Landwirtschaft schafft. Das EU-Parlament wird noch in diesem Jahr die bestehende gemeinsame Agrarpolitik (GAP) grundlegend überarbeiten. Dabei besteht die große Chance die europäische Landwirtschaft nachhaltig neu zu gestalten. Vor allem auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise muss die Agrarpolitik stichhaltig begründen, warum der gewaltige Etat für Landwirtschaftsbeihilfen noch gerechtfertigt ist. Die neuen Instrumente müssen dabei vor allem dafür sorgen, dass sich die Landwirtschaft wieder an einem tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert und nicht weiterhin Überproduktion begünstigt. Zu diesem Zweck sollten folgende Ziele erreicht werden:
• Ein Importverbot von gentechnisch veränderten Futtermitteln und Energiepflanzen
• Ein Importverbot von Biokraftstoffen
• Eine Kleinteilige, effiziente und angepasste Energiegewinnung, v.a. aus Abfallstoffen und Zwischenfrüchten
• Überwiegender Einsatz von eiweißhaltigen Futtermitteln (Leguminosen wie Erbsen und Bohnen) aus Europa
• Keine Subventionierung von Viehbetrieben, die keine hinreichenden eigenen Futtermittel produzieren
• Speicherung von Nährstoffen durch Humusbildung
• Direktzahlungen gekoppelt an die Zahl der Beschäftigten und nicht an die Größe der Fläche
Die genannten Ziele decken dabei eine Vielzahl nachhaltiger Aspekte für eine zukünftige Landwirtschaft ab. Folgende Prioritäten werden dabei besonders berücksichtigt:
Vorrang von Nahrungsmittelanbau vor Futtermittel- und Energiepflanzenanbau
Die Verringerung des Einsatzes erdölbasierter Düngemittel
Effizienter Umgang mit Energie
Eine Vielzahl gut bezahlter Arbeitsplätze in der Landwirtschaft
Im Hinblick auf die genannten Entwicklungen und Herausforderungen kann und muss Europa die Steuerungsinstrumente so verändern, dass in Zukunft ein größtmöglicher Nutzen für alle Europäer und die gesamte Welt erreicht wird. Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik bietet für uns alle eine große Chance. Denn Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt ein Versprechen gegenüber dem Verbraucher. Vor dem Hintergrund, dass Verbraucher in den vergangenen Jahren, bei mehreren Produkten wie z.B. bei Analogkäse getäuscht wurden, genießen Eigenschaften wie Qualität, Transparenz, Vertrauen und Verlässlichkeit einen hohen Stellenwert.
Wir alle sollten uns daher jetzt gemeinsam für eine wirkliche Reform der europäischen Landwirtschaft einsetzen. Bereits im Herbst werden die entsprechenden Beschlüsse im Europaparlament gefasst. Die Zeit ist knapp, aber dennoch ist ein entschiedenes Vorgehen von größter Bedeutung nicht nur für uns, sondern für die gesamte Welt!








Mittwoch, 4.Juli 2012 von GastautorIn
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