Offener Brief an ZEIT Online: “Sie machen mich traurig”
Donnerstag, 12.Juli 2012 von Taner Ünalgan
Sehr geehrter Herr Kerstan,
bezugnehmend auf Ihren Artikel vom 11. Juli 2012, in dem Sie fragen, ob die Schule gerecht ist, sehe ich mich genötigt, auf den Inhalt besagten Textes zu reagieren. Es ist bedauerlicherweise nun mal so, dass es jedes Jahr ein paar Mal vorkommt, dass mich Menschen wie Sie, Redakteure, auch mal Schulleiter und andere, jedenfalls allesamt Anhänger und große Fans der Praxis, große Ideen, deren Umsetzung eine riesige Kraftanstrengung bedeutet, erst einmal als “Illusion” abzustempeln und sich damit sowohl der jeweiligen Idee konsequent zu sperren, als auch gleichzeitig allen Befürwortern dieser Idee vor den Kopf zu stoßen – dass mich Menschen wie Sie traurig machen.
Ihre These der Illusion bedeutet also, dass alle politischen Kräfte, alle im Lehrbetrieb berufstätigen Menschen, die Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen, die Verwaltungen, Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler, Eltern, alle, die für mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem eintreten, ziemlich naiv sein müssen. Sonst würden sie doch nicht an einer Illusion festhalten!
Heute sind Sie also damit an der Reihe, mich traurig zu machen. Das macht den sprichwörtlichen Braten aber auch nicht mehr fett und ich erkläre Ihnen gerne, was der Grund meiner melancholischen Stimmung nach Lektüre Ihres Beitrages ist.
Zunächst einmal möchte ich Ihre eingangs gestellte Frage beantworten – Sie fragen: “Ist die Schule gerecht?” und ich darf Ihnen versichern, verehrter Herr Kerstan: Nein, sie ist alles, aber gewiss nicht gerecht. Wenn dieser Fakt vor 12 Jahren in der ersten PISA-Studie herausgefunden wurde und es daraufhin auch großen bildungspolitischen Wirbel gab, so hat erst neulich (März 2012) der von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene und vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund erstellte sog. “Chancen-Spiegel” erneut feststellen müssen, dass es in ganz Deutschland keine Schulen gibt, die gleichzeitig leistungsstark und chancengerecht sind – wohlgemerkt zwölf Jahre nach den PISA-Erschütterungen. Ich finde: Ein Armutszeugnis für Deutschland.
Sie wollen zwar ebenfalls die “Zahl der Bildungsverlierer” verkleinern. Aber Sie glauben offenbar nicht, dass Schule in der Lage sein kann, “herkunftsbedingte Unterschiede” auszugleichen und “gesellschaftliche Ungleichheit” zu beseitigen. Herr Kerstan, ich bin mir sicher, gerechte Bildung ist keine Illusion. Das sind keine “Ziele”, wie sie schreiben, die man “nicht erreichen kann”. Das kann man wohl! Und Teile dieser großen Ziele wurden auch schon erreicht. Vergleichen Sie doch einfach, wie viele Kinder aus finanziell schlechter gestellten Haushalten heute immerhin schon an ein Gymnasium gehen und später studieren können, wie das damals aussah, als es auch noch kein Bafög gab.
Was das angeht, sind wir an dieser Stelle meines Briefes an einem Scheideweg angelangt. Es gibt drei Alternativen: Entweder, das Schulsystem bleibt für immer so, wie es ist (unwahrscheinlich), oder wir nehmen all den Mut zusammen, den die Menschen, die hier leben aufbringen können und gehen tapfer Schritte in Richtung moderner Bildung (erstrebenswert, was wir unter “moderner Bildung” verstehen, erkläre ich gleich) oder aber wir folgen Ihrem Vorschlag. Der ist so abwegig, dass ich dafür einen neuen Satz brauche. Sie sagen, wir müssten uns darum kümmern, dass es nicht mehr so viele – 15 bis 20% – Bildungsverlierer gibt. Das finde ich auch in Ordnung. Wir wollen ebenfalls, dass niemand “Bildungsverlierer” ist. Sie fordern das aber, damit die Sozialkassen entlastet werden, damit unsere Wirtschaft glücklich und zufrieden ist.
Sehr geehrter Herr Kerstan, meinetwegen ist das Ihr Ansatz. Nur: Wenn Sie uns Schülerinnen und Schüler schon verkaufen wollen – dann tun Sie das doch bitte nicht unter Wert! Sie wollen die Vorstellung von “Bildungsgerechtigkeit” abschaffen und stattdessen das “Bildungsminimum” etablieren. Bei allem Respekt! Für Ihre Ausführungen verwenden Sie das Verständnis des sog. “Bildungsminimum” des Bildungshistorikers Tenorth und da geht es darum, dass alle Leute später “grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen[...]” beherrschen. Sie fügen auch noch hinzu, dass das nur “fast” alle können sollen. Was ist das denn für eine armselige Vorstellung? Und dieses sog. “Bildungsminimum” soll als “neues Leitbild der Bildungspolitik” dienen? Ja, das könnte es. Aber dann könnten wir uns eigentlich auch direkt von jeglichem Leitbild, von jeder Vorstellung verabschieden und an unsere Bildungsministerien das Schild “Aufgrund von Ideen- und Mutlosigkeit geschlossen” hängen. Diese Vorstellung macht mich traurig, Herr Kerstan, ich hoffe, Sie können das ein wenig nachvollziehen.
Unsere Alternative, das Ziel, für das wir kämpfen, ist ein gerechtes Bildungssystem. Es besteht aus einer bundesweit verwirklichten Gemeinschaftsschule, die inklusiv arbeitet und eine “echte” Ganztagsschule darstellt. Und ja, dafür brauchen wir viel mehr Geld, als jetzt in dieses System gesteckt wird – aber da wir es brauchen, sollten wir es auch ausgeben, denn: Wir brauchen es! Geld funktioniert in der Bildungspolitik nicht mehr lange als Totschlagargument. Das Ziel moderner Bildung ist doch nicht, dass man “grundlegende Kulturtechniken” beherrscht und der Wirtschaft zur Verfügung steht! Das Ziel ist Bildung, die gleichzeitig Schlüssel für Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und eine solidarische Gesellschaft ist! Wir wollen gleiche Chancen und Leistungsdruck verhindern, was soll das denn, dass Schülerinnen und Schüler schon unter Depressionen aufgrund von Leistungsstress in der Schule leiden? Dafür braucht man dann auch mal 13, statt 12 Jahre zum Abitur und flächendeckend mehr Lehrerinnen und Lehrer, kleinere Klassen, mehr SchulpsychologInnen, SozialarbeiterInnen, individuelle Förderung, kostenlose Schulessen, eine vernünftige und tiefgreifende Verankerung der Multikulturellität in die Lehrausbildungen und pädagogischen Praxen, die Förderung muttersprachlichen Unterrichtes, gemeinsamen Ethikunterricht, eine lebendige Demokratie-Erziehung in unseren Bildungsinstitutionen, die teilweise Ersetzung von Zahlennoten durch individuelle Portfolios, endlich die mutige Umsetzung von Inklusion und dafür auch die Abschaffung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern in der Bildung.
Sehr geehrter Herr Kerstan, ich gebe ja gerne zu, dass es leichter wäre, dafür zu sorgen, dass unsere Schülerinnen und Schüler “grundlegende Kulturtechniken” lernen und dass es weitaus schwieriger ist, für solche Dinge zu streiten, die ich oben kurz erwähnt habe. Für diese Dinge braucht es nämlich die Überzeugung, Durchhaltevermögen, Mut und Kraft. Aber Gerechtigkeit im Bildungssystem ist möglich. Sie ist sehr schwer zu erreichen, aber es lohnt sich allemal, dafür zu arbeiten. Mindestens für all diejenigen, die unter dem aktuellen System leiden müssen, weil ihre Eltern vielleicht nicht in Deutschland geboren sind oder nicht besonders viel Geld zur Verfügung haben. Aber maximal wird sich dieser Einsatz am Ende für unsere gesamte Gesellschaft sowohl ethisch, als auch ökonomisch auszahlen. Darüber können wir gerne mal reden, das wollte ich Ihnen unbedingt gesagt haben.
Jetzt steh’ ich hier auf und gehe Vollmilchschokolade suchen. Bekanntlich soll sie ja bei Traurigkeit helfen…
In diesem Sinne und
mit freundlichen Grüßen,
Taner Ünalgan
Bundeskoordinator der Juso-SchülerInnen-Gruppe
Tags: Bildung, bildungsgerechtigkeit, Bildungsminimum, Chancen-Spiegel, chancengleichheit, Gemeinschaftsschule, jsg, Juso-SchülerInnen, Jusos, PISA, SPD, Zeit, ZEIT Online







Lieber Taner Ünalgan, ich freue mich, dass mir Sie so engagiert contra geben, auch wenn mein Ziel natürlich nicht war, Sie traurig zu stimmen. Natürlich möchte ich auch eine gerechte Schule. Ich gebe nur zu bedenken (und da hatte ich früher ähnliche Illusionen wie Sie), dass es die Schule nicht leisten kann, Bildungsunterschiede so auszugleichen, dass sie die Gesellschaft sozial gerechter macht. Man muss, so schwer das fällt, und dieser Rat wirkt – ich weiß – altväterlich (ich hätte ihn früher auch gehasst), das Wunschdenken von dem Möglichen, dem Machbaren trennen. Wunschdenken ist eben – nach allen Studien, die weltweit von durchaus gutwilligen Leuten erstellt wurden –, die Schule als Instrument zu gebrauchen, die Gesellschaft gerechter zu machen. Was aber möglich ist, und was man verlangen kann, ist, dass die Schule weniger Bildungsverlierer produziert. Die große Zahl von 15-Jährigen, die nicht richtig lesen und schreiben können, ist ein Skandal, den man auch der Schule zuschreiben kann. Und diesen Anteil zu minimieren, diese “Riskogruppe” zu verkleinern, ist nicht läppisch, es ist eine, wenn nicht d i e entscheidende Aufgabe der Bildungspolitik. Sie wird gewaltige Kraft erfordern. Deshalb sollte man vermeiden, die Kraft für andere, unrealistische Ziele zu vergeuden.
Aktive Debatte. Was denkst du?
10
6
Lieber Taner,
ich lese deine Texte, Anregungen und Meinungen nun schon viele Jahre. Dieser offene Brief ist eine Deiner besten Texte bisher! Ich stimme dir zu und es hat Spass gemacht zu lesen. Danke auch an Thomas Kerstan für den Einstieg in die Diskussion.
Weiter so !
Dennis
Gut oder schlecht:
3
2
Lieber Herr Kerstan,
vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.
Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man irgendwann im Leben wohl einsehen muss, dass man nun “altväterliche Ratschläge” gibt? Glauben Sie mir, diese Art von Ratschlägen kenne ich zur Genüge. Wenn ich mit SPD-Bildungspolitikern diskutiere fällt dieses Argument zu oft: Wir wollen sozialdemokratische Bildungspolitik einfordern und auch in der Öffentlichkeit dafür einstehen und die Reaktion ist fast immer, dass das aus pragmatischen Gründen nicht geht. Zum Beispiel, weil man Angst hat, dass man dadurch Wählerstimmen verliert.
Woher wissen Sie, dass unsere Vorstellung von Bildungspolitik Wunschdenken ist? Soweit ich weiß, wurde sie so noch nie umgesetzt und wir merken gleichzeitig, dass wir mit dem Bildungssystem, in dem wir aktuell leben, nicht weiter kommen. Dort, wo bildungspolitische Ansätze unserer Vorstellung nach umgesetzt worden sind, an einigen Reformschulen, gibt es ganz wunderbare Ergebnisse.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte natürlich auch, dass alle lesen, schreiben, rechnen können. Und dafür ist ja auch die Grundschule zuständig, aber wenn wir zu dem Ergebnis kommen, das Sie in Ihrem Artikel ja treffend beschrieben haben, dann läuft im Bildungssystem wohl etwas falsch. Und der wichtigste Punkt ist: Unsere Vorstellungen, die ich im Brief oben angerissen habe, konkurrieren ja nicht mit Ihrem Wunsch nach “kulturellen Grundtechniken”. Ich finde, Sie ergänzen sich eher. Und wenn Leute heute nicht lesen, schreiben oder rechnen können, dann hat das auch was mit sozialen Hintergründen zu tun, da geht es auch um gesellschaftliche Missstände. Und wenn wir diese nicht beheben, auch durch Instrumente wie Sprachförderungen, aber eben auch durch eine gerechtere und durchlässige Schulpolitik, die Binnendifferenzierung möglich macht, dann wird das wohl so schnell auch nichts mit den “kulturellen Grundtechniken” werden, die Sie einfordern.
Herr Kerstan, ich wäre mal gespannt, wie die Reaktionen ausfielen, wenn Medien über solche Bildungspolitik, wie ich sie oben beschrieben habe, berichteten und nicht immer öfter über das, was unrealistisch ist und das, was machbar ist. Wir haben leider nicht die Pressekonferenzen auf unserer Seite, die die großen Parteien veranstalten können, insofern wird meine Frage wohl noch länger unbeantwortet bleiben. Aber gespannt bleibe ich.
Viele Grüße!
-
@Dennis: Danke dir!
Gut oder schlecht:
6
6
Lieber Herr Ünalgan,
ich fühle mich eigentlich ganz gut, so lange ich noch eine ironische Distanz zu mir selbst haben kann
Die Politik, die Sie einfordern, wurde in Deutschland zum Beispiel in den 60er, 70er Jahren massiv versucht, umzusetzen (unter sozialdemokratischer Führung). Denken Sie etwa an die Gesamtschuldebatte. Dieser Ansatz ist aber gescheitert.
Was viele Sozialdemokraten gar nicht registriert haben: Bei der ersten Pisa-Studie kam heraus, dass in den langjährigen CDU/CSU-Hochburgen Bayern und Baden-Württemberg die Schüler nicht nur besser abgeschnitten haben als in Hessen und NRW, wo sich die SPD-Schulpolitik ausgetobt hat. Auch in der sozialen Gerechtigkeit lagen die schwarzen Länder vor den roten. Arbeiter- und Einwandererkinder waren dort besser aufgehoben. Vielleicht, weil das Fordern von Leistung unterpriviligierte Kinder besser fördert als der Ruf nach Gerechtigkeit.
Also: Wir sind uns einig, dass die Kinder aus den nichtprivilegierten Familien besser gebildet werden müssen. Nur dass damit zwingend das Land gerechter wird, ist nicht sicher. Es spricht sogar einiges dagegen.
Mir geht es nicht um Rhetorik oder um Beifall. Mich interessiert nur das Ergebnis.
Gut oder schlecht:
8
2
Hallo Herr Kerstan,
ich mische mich mal ein, um das Zwiegespräch zu unterbrechen. Zunächst mal meinen großen Respekt für Sie, dass Sie alle Studien dieser Welt zu Schulsystemen durchgearbeitet haben. Haben Sie zufällig eine Liste, in der diese Studien verzeichnet sind, damit ich da auch mal einen Blick reinwerfen kann?
Ich möchte nicht auf alles eingehen, was Sie schreiben, aber einen Punkt Ihrer ARgumentation halte ich für besonders ungerecht: Sie schreiben, ein gerechtes Bildungssystem sei ja in den 70iger und 80iger Jahren vergeblich versucht worden und habe deshalb keine Chance auf REalisierung. Ja, es ist vergeblich versucht worden. Aber daraus lässt sich keine Schlussfolgerung ableiten, dass nicht eine wirkliche Gemeinschaftsschule, eine Schulform für alle SchülerInnen, keine Chance hätte! Denn die damals eingeführte Gesamtschule hatte doch in Wirklichkeit nie eine Chance. Sie musste immer mit den Gymnasien konkurieren und war deshalb von Anfang an Schule 2. Klasse. Wen Eltern selbst einen hohen Bildungshintergrund hatten, dann haben sie zugesehen, dass ihre Kinder aufs Gymnasium kommen. Auf der Gesamtschule waren nur die, die es aufs Gym. nicht geschafft haben. Dass so ein Modell nicht funktionieren kann, ist klar. Daraus zu folgern, dass eine gerechte Schule nicht realisierbar sei, ist – mit Verlaub – Quatsch.
Viele Grüße
Julian Zado
Gut oder schlecht:
3
1
Lieber Herr Zado,
ich muss Sie enttäuschen. Bei Fends Gesamtschulstudien spielt der Creaming-Effekt (also, dass die guten Schüler statt zur Gesamtschule aufs Gymnasien gehen) keine Rolle; es wurden Kinder mit ähnlichem sozialen Hintergrund und ähnlichen Leistungen verglichen. Wobei auch der Creaming-Effekt mitgedacht werden muss. Sie können ja in einem demokratischen Staat nicht die Gymnasien verbieten, auf die inzwischen vielerorts mehr als 50 Prozent der Schüler drängen. Bislang sind jedenfalls alle krachend gescheitert, die Versuche in diese Richtung unternommen haben – vergessen Sie’s!
Ein paar Hinweise auf Studien:
Fend zu Gesamtschulen: http://www.zeit.de/2008/02/C-Enttaeuschung
Pisa 2009: http://pisa.dipf.de/de/pisa-2009
Beste Grüße, Thomas Kerstan
Gut oder schlecht:
2
0