Das Problem heißt immer noch Rassismus – 20 Jahre Lichtenhagen

„20 Jahren nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“

Demoplakat des Bündnisses „20 Jahren nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“

Der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier, sorgt sich. Der grambeladene Christdemokrat warnt vor „Übergriffen“ am Samstag in Rostock und vergisst nicht zu versichern, dass die Polizei dagegen gewappnet sei: „Es wird nicht passieren, dass wir zu wenige Einsatzkräfte haben. Da bin ich ein gebranntes Kind“, wird Caffier zitiert. Bange fragt sich die Zuhörerin: Plant die NPD etwa einen Marsch am Gedenktag des Pogroms? Müssen Flüchtlinge und ausländisch aussehende Menschen etwas wieder um Gesundheit und Leben fürchten? Prognostiziert die Polizei gar eine massenhafte Pogromstimmung wie anno 1992?

Nein, Caffier meint mit diesem perfiden Krimininalisierungsversuch doch tatsächlich die antirassistische Gedenk-Demonstration des Bündnisses „20 Jahren nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“! Abgesehen davon, dass man schon ziemlich viel Küstennebel im Gehirn haben muss um im Zusammenhang mit einem versuchten zigfachen Brandmord von „gebrannten Kindern“ zu sprechen, zeigt die boshafte Gleichsetzung der antirassistischen Gedenkdemo am Samstag mit den Pogromen selbst [sic!]: vor allem eins: Nichts kapiert, nichts geblickt, Augen zu und durch. Die Pogrome, nie umfassend aufgearbeitet, sind wie eine offene Wunde. „Die Bewohner des Stadtteils haben nicht den Wunsch, nach 20 Jahren so einen Aufriss zu machen“, wird ein Anwohner zitiert. Sieht Herr Caffier sicher ähnlich.

Dann noch mal zum Mitmeißeln: Das Problem heißt nicht Erinnern und Aufarbeiten – das Problem heißt Rassismus!

Rassismus am Anfang der 1990er

Die vier Tage im August 1992 sind ein Symbol der Geschichte des Rassismus in der Bundesrepublik: Ungehindert von der Polizei und unter Jubel und Unterstützung eines rassistischen Mobs jagten hunderte Neonazis mehrere Tage lang Asylsuchende und VertragsarbeiterInnen durch den Rostocker Stadtteil Lichtenhagen und zündeten deren Häuser an.

Die Pogrome von Lichtenhagen stehen wie Mölln, Solingen oder Hoyerswerda sinnbildlich für die repressiv-nationalistische Atmosphäre der frühen 1990er Jahre, als im nationalen Vereinigungsrausch Nazis und andere NationalistInnen meinten, sie müssten Ihre Blut-und-Boden-Ideologie in Selbstjustiz umsetzen. Für eine Zeit, in der der Straßenterror der Nazis die Grundlage dafür gelegt hat, dass der Osten Deutschlands für viele MigrantInnen bis zum heutigen Tag eine No-Go-Area darstellt. Für eine Zeit, in der das Grundrecht auf Asyl – auch unter Zustimmung der Sozialdemokratischen Partei – bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt wurde. Letzteres geradezu als Folge der Pogrome: Nicht die Opfer der Pogrome erfuhren Solidarität und Unterstützung (viele wurden gar abgeschoben!), sondern die TäterInnen bekamen was sie verlangten: Das Ende der bundesrepublikanischen Tradition eines humanen Flüchtlingsschutzes. Eine gute Sache, fand Caffiers Vorgänger, der damalige Innenminister Lothar Kupfer:

„Die Rechten haben bewirkt, die Politiker dafür zu sensibilisieren, dass das Asylrecht eingeschränkt wird und dass das Sicherheitsgefühl an erster Stelle steht – nicht nur in Ostdeutschland.“

Und heute – Deutschland, wo bleibt deine Rassismusdebatte?

Die Bilder aus Rostock 1992 sind nicht nur ein Teil rassistischer deutscher Geschichte, sie ziehen eine Linie bis in die Gegenwart. Den Pogromen von Lichtenhagen zu gedenken darf daher nicht heißen, Rassismus in Deutschland zu den Akten zu legen. Rassismus ist nicht Geschichte in diesem Land. Nein, er existiert hier und heute, überall. Trotz der aufopferungsvollen Arbeit vieler ehrenamtlicher und unterfinanzierter zivilgesellschaftlicher Initiativen sind Alltagsrassismus und strukturelle Diskriminierungen heute in unserer Gesellschaft weit verbreitet und tief verankert. Der millionenfache Zuspruch zu rassistischen Thesen wie denen von Sarrazin und anderen zeigt, dass nicht nur Stiefelnazis in Plattenbauten RassistInnen sind, sondern ein großer Teil der „Mitte der Gesellschaft“, quer durch alle Milieus. Nicht zuletzt haben die Morde an Marwa El-Sherbini in Dresden, Kamal K. in Leipzig, sowie die unfassbare Mordserie der Nazibande NSU, das Versagen der Sicherheitsbehörden und ihrer rassistisch gelenkten Ermittlungsarbeit wieder einmal  auf grausame Weise gezeigt: Rassismus in diesem Land verletzt nicht nur, sondern tötet! Immer noch, immer wieder!

The Truth lies in Rostock: Samstag, 11 Uhr

Deshalb wollen wir am 25. August zusammen mit vielen anderen antirassistischen Gruppen in Rostock ein Zeichen setzen. The Truth lies in Rostock, wir sind dort. Jusos werden an der Demo des Bündnisses „20 Jahren nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“ teilnehmen. Ab 11 Uhr findet eine Kundgebung vor dem Rostocker Rathaus statt, ab 14 Uhr die Demo im Stadtteil Lichtenhagen (Startpunkt Bahnhof Lütten Klein). Anschließend findet am Endpunkt der Demo ein Konzert unter dem Titel „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ statt. Alle hin da.

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