Die Dekonstruktion der Geschlechter und ihre politischen Folgen

Ein Beitrag von Katharina Oerder, Johanna Uekermann und Helene Sommer.

Eine der größten Debatten, die wir Jusos letztes Jahr auf dem ÄnderDas!-Sommercamp mit der Grünen Jugend ausgefochten haben war – neben  der Frage nach dem Ende des Wachstums und dem Primat der Erwerbsarbeit – die Umstellung auf Unisex-Toiletten. In regelmäßigen Abständen wurden einzelne Wasch- oder Toilettenräume von Männer- oder Frauenräumen zu Unisex-Toiletten umfunktioniert. Schließlich wolle man auch Menschen entgegen kommen, die nicht wissen ob sie sich männlich oder weiblich fühlen sollen und Geschlechterrollen dekonstruieren. D‘accord!

Viele Jusos reagierten trotzdem mit Unverständnis auf die Leidenschaft, mit der die Debatte um die Unisex-Toiletten geführt wurde. Was für viele von der Grünen Jugend als entscheidende Frage im Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter diskutiert wurde, warf bei den Jusos eine ganz andere Frage auf: geht diese Diskussion an der gesellschaftlichen Realität vorbei? Und was nützt es eigentlich alleinerziehenden Müttern, die am Existenzminium knapsen, wenn ein paar Studis und AkademikerInnen auf das gleiche Klo in Brandenburg gehen?

Dies ist jedoch nur ein Beispiel von vielen, in denen die Theorie die Praxis in den sprichwörtlichen Schwanz beißt. Nicht immer wird aus „gut gemeint“ auch gute Politik. Immer wieder wurden und werden wir in den politischen Debatten mit dem hegemonialen Kampf um Begrifflichkeiten, postgender, Geschlechter, Gleichstellung, queer und so weiter, konfrontiert. Zu diesen wollen und müssen wir Jusos uns sowohl theoretisch als auch politisch-konkret positionieren.

Wir wollen versuchen, hier einen ersten Problemaufriss zu leisten und die Debatte innerhalb der Jusos über die verschiedenen Definitionen und Auffassungen sowie politische Handlungsanleitungen anzustoßen.

Während die „Dekonstruktion der Geschlechter“ nach Simone de Beauvoir noch die Trennung von biologischem und sozialem Geschlecht (sex und gender) bedeutete, ging Judith Butler Anfang der 1990iger Jahre einen Schritt weiter. In ihrem bekanntesten Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ beschreibt sie sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht als gesellschaftlich konstruiert. Geschlecht ist laut Judith Butler also eine soziale/kulturelle Kategorie. Die Einteilung in „männlich“ bzw. „weiblich“ keine natürliche, unausweichliche Einteilung, vielmehr entsteht diese dadurch, dass gemäß dieser Zweigeschlechtlichkeit gehandelt wird. Und was konstruiert wurde kann folglich auch wieder dekonstruiert werden. Für Judith Butler sind die Unterschiedlichkeiten der Menschen innerhalb der Geschlechter größer, als zwischen den Geschlechtern. Damit werden diese unnötig. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass es so viele Identitäten gibt, wie es Menschen gibt. Doch was bedeutet diese Analyse für unsere tagtägliche politische Arbeit? Wie können wir als Jusos überhaupt noch Gleichstellungs- und Frauenpolitik machen, wenn alle Geschlechter bereits abgeschafft und dekonstruiert haben? Und was bedeutet das für die politische Praxis im Verband?

Einige Parteien haben dieses Problem für sich bereits gelöst. Die Piratenpartei, beispielsweise, hält sich selbst für „Postgender“. Eine Umfrage des Kegelclubs (eine informelle Gruppe innerhalb der Piratenpartei, die sich mit Geschlechterpolitik auseinandersetzt) zeigte jedoch, dass die meisten Mitglieder nicht wissen, was „postgender“ (nämlich Geschlecht als Kategorie zu eliminieren)  überhaupt bedeutet. Folgt man der Piratenpartei und der „postgender“-Haltung, gibt es folglich auch keine Geschlechterdiskriminierung mehr. Denn was es nicht gibt, kann auch nicht diskriminiert werden. Das also von neun Menschen in ihrem Bundesvorstand nur zwei Frauen sind, ist für sie somit nicht systematisch, sondern reiner Zufall. Gleichstellungspolitische Debatten zu führen, Frauenförderung einzufordern, Machtgefälle zu identifizieren und politische Konsequenzen daraus zu ziehen wird dann gerne als antiquiert diffamiert. Denn nur wer noch in Geschlechtskategorien denkt, kann so argumentieren und wer noch so argumentiert, der hat es demnach einfach noch nicht verstanden.

Für eine Partei, die sich vor allen anderen für Frauenwahlrecht und Gleichstellungspolitik eingesetzt hat, wäre ein solcher Weg nicht akzeptabel. Und für einen feministischen Richtungsverband wie unseren noch weniger. Denn selbst wenn Geschlecht eine konstruierte Kategorie ist, die immer noch vorhandene gesellschaftliche Aufteilung in Zweigeschlechtlichkeit ist wirkmächtig und lässt sich nicht wegdiskutieren. Und nicht nur durchzieht die Strukturierung in Frauen und Männer unsere gesamte Gesellschaft, sie bestimmt ein Machtgefälle – und das betrifft nicht nur abstrakt sondern ganz konkret die ökonomische und soziale Verteilung in unserer Gesellschaft und damit die Lebenschancen, -welten und -realitäten. Davor einfach die Augen zu verschließen würde bedeuten, untätig in Hinsicht auf Diskriminierung qua Geschlecht zu werden.

Diskriminierung geschieht nicht einfach nur aufgrund irgendeines Geschlechtes, sondern aufgrund eines ganz bestimmten Geschlechtes. Natürlich werden auch Männer manchmal auf Grund ihres Geschlechtes diskriminiert. Das dies jedoch umgekehrt in wesentlich höherem Maße vorkommt ist kein Zufall, sondern symptomatisch. Männerdiskriminierung ist ungerecht, Frauendiskriminierung ist strukturell.

Wir akzeptieren die Dekonstruktion der Geschlechter als einen theoretischen Aspekt in unserem Wertegebäude. Wir wollen, dass alle Menschen frei und selbstbestimmt leben können. Auf dem Weg zu diesem Ziel sind Debatten darüber, wie, wann und warum Geschlechtskonstruktionen zustande kommen und der Versuch, eine gesellschaftliche Diskussion und Reflektion über diese Fragen anzuregen ein wichtiger Beitrag. Wir wollen, dass Schluss ist mit der Reproduktion von Rollenbildern und Stereotypen und wir verneinen auch nicht, dass das Offenlegen und Zurückdrängen solcher Muster ein Schritt auf dem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit sind.

Die Kategorien, die wir theoretisch dekonstruieren, haben jedoch trotzdem reale Auswirkungen auf das Leben von Menschen – selbst wenn wir uns scheinbar von ihnen befreit haben. Diese ungerechten Verteilungen von Lebenschancen wollen wir bekämpfen. Nur die Gleichheit von Lebenschancen und Voraussetzungen schafft die Bedingung um individuelle Lebensmodelle leben zu können.

Deshalb ist die Übertragung unserer theoretischen Erkenntnisse auf unsere real existierende Gesellschaft stets an gewisse Voraussetzungen gebunden.

1. Reale Machtkonflikte müssen weiter berücksichtigt werden:

Konflikte zwischen den Geschlechtern haben ganz reale Auswirkungen. Diese gehen über die einschränkende Wirkung der Geschlechtszuweisung hinaus, denn Machtstrukturen in Deutschland und auf der ganzen Welt sind männlich geprägt. Dabei geht es nicht nur um Diskriminierung durch Geschlecht, sondern um Diskriminierung eines bestimmten Geschlechts: Frau. Diese Analyse stellt für uns eine zentrale Ausgangsbasis unserer Politik dar. Das Konstrukt „Frau“ wird nicht nur als Individuum, sondern auch als Gruppe diskriminiert. Das heißt, die Lösung, „so viele Geschlechter wie Menschen“ ist zu einfach um dieses Machtgefälle zu lösen.

2. Gleichstellungspolitik ist mehr als Queer:

Häufig wird in der Debatte Queer-Politik und Gleichstellungspolitik debattiert, versucht voneinander abzugrenzen oder gleichzusetzen. Gleichstellungspolitik lässt sich für uns jedoch Queerpolitik nicht so einfach zuordnen. „Queer“ wird als eine Art Sammelbecken, unter dem sich außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSMlern auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren, und viele mehr zusammenschließen beschrieben. Eine Besonderheit liegt auf einer der Heteronormativität abweichenden Geschlechtsrollen-Präsentation. Dies ist jedoch nur ein Aspekt von Gleichstellungspolitik. Darüber hinaus geht es uns um knallharte Umverteilungspolitik. Umverteilung von Macht und von Ressourcen. Von gesellschaftlich definierten Männern zu gesellschaftlich definierten Frauen. Ein Queertheoretischer-Diskurs allein kann Geschlechterpolitische Probleme nicht abbilden.

3. Wir müssen weiterhin die Lebensrealitäten von Menschen berücksichtigen und diskutieren:

Für die Mehrheit der Menschen geht es nicht in erster Linie darum, sich aus den Ketten ihres Geschlechtes zu befreien. Sie fühlen sich eigentlich als Mann oder Frau recht wohl in ihrer Haut. Dies wollen wir nicht pathologisieren sondern akzeptieren es als Ergebnis gesellschaftlicher und kulturelle Sozialisation. Für diese Mehrheit der Menschen ist es dennoch virulent, geschlechtsspezifische Machtverhältnisse anzugreifen, denn ihre Lebensrealität ist sehr direkt und konkret durch sie bestimmt, sei es durch ökonomische Ungleichheit oder die Einschränkung ihrer Lebenschancen. „Ein anderes Leben muss möglich sein“ gilt ebenso für freiwillig-glückliche Männer oder Frauen. Dennoch wollen vielen dieser Menschen mehr Gerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter. Dies nehmen wir weiterhin als Leitlinie unserer Gleichstellungspolitik an.

4. Sozialistische Gleichstellungspolitik muss in der Lage sein, gesellschaftliche Verhältnisse anzugreifen:

Auf dem Weg zu einer gleichgestellten und freien Gesellschaft kommt uns als Verband die Rolle zu, Konzepte zu entwickeln, um Macht- und Verteilungsfragen konkret anzugreifen. Die Analyse von Lebensrealitäten von Frauen und Männern muss uns zu Politikkonzepten führen. Gleichstellung kann sich für unseren Verband nicht darin erschöpfen, unsere eigenen Bilder zu reflektieren und in unserem beschränkten Rahmen Sensibilisierungsarbeit zu leisten. Wir müssen dafür stehen in unserer Partei und gesamtgesellschaftlich, Politikansätze durchzusetzen, die die Lebensrealitäten von allen Menschen, im gleichstellungspolitischen Kontext aber vor allem für Frauen zu verbessern. Dazu gehört diese Lebensrealitäten zu kennen, anzuerkennen, aufzugreifen und Lösungen zu finden.

5. Diskriminierung muss weiter sichtbar gemacht werden:

„Sex-counting“, also das Aufschlüsseln von statistischen Daten anhand des Geschlechts, ist nach wie vor nötig. Nur gendersensible Statistiken ermöglichen uns Informationen über die Ungleichheitsverhältnisse in der Gesellschaft, im Arbeitsleben und in der Politik. Fehlen Daten und Informationen, fehlen Entscheidungsgrundlagen. Geschlecht muss also weiter als Analyse- und Strukturkategorie Anwendung finden.

6. Die Dekonstruktion von Geschlechtern darf nicht auf Kosten von Schutzräumen von benachteiligten Gruppen gehen:

Diese Schutzräume können sich sowohl auf mehr ideologische Räume, wie z.B. autonome Frauenstrukturen als auch in ganz konkreten, nur einem Geschlecht offen stehenden Räumen wie Wasch- oder Duschräume, beziehen. Wir halten weiterhin an den Möglichkeiten für autonome Frauenstrukturen fest, wann sie sinnvoll erscheinen. Diese können sowohl zum Austausch über spezifische Problemlagen als auch für strategische Absprachen um männlichen Machtzirkeln entgegen zu arbeiten, dienen. Auch sexuelle Diskriminierungen und Übergriffe gegen Frauen sind nicht von der Hand zu weisen. Wenn es also um Schutz von Intimsphäre von Frauen geht, stellen wir diesem ebenfalls ganz praktische Möglichkeiten zur Verfügung.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich politische Konsequenzen für unsere praktische Arbeit.

1. Die Gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau ist weiterhin eine der drei Säulen unserer Juso-Arbeit:

Wir Jusos sind ein sozialistischer, internationalistischer und feministischer Richtungsverband. Die Diskriminierung des Geschlechtes „Frau“ zu bekämpfen ist unser Ziel. Herrschaft, Macht und Ressourcen sind in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft ungleich verteilt. Frauen werden strukturell benachteiligt. Frauendiskriminierung ist nicht nur Theorie, sondern ganz real und tagtäglich. Wir erkennen dies an und wollen diese Diskriminierung überwinden. Dafür machen wir Frauen- und Gleichstellungspolitik. Dafür machen wir Realpolitik.

2. Politik ist mehr als Selbstreflektion:

Vielen neuere gender- oder queertheoretischen Bündnisse oder Aktionen geht es vor allem darum, mit hegemonialen Strukturen zu brechen, für Unordnung und Andersdenken zu sorgen. Alternative Denkmuster und –wege aufzuzeigen ist stets ein wichtiger Baustein unserer Jusopolitik gewesen. Wir können und wollen bei Information und Sensibilisierung jedoch nicht halt machen. Ziel einer jungsozialistischen Politik ist es, Herrschaftsverhältnisse zu verändern, Macht und Ressourcen umzuverteilen. Dies wollen wir auch in der Gleichstellungspolitik tun. Unser Ziel ist es also, konkrete Lebensrealität von Menschen zu verändern, die von Frauen zu verbessern. Erst dann wird aus Theorie Politik.

3. Wir machen Politik für Menschen:

Die große Mehrheit der Menschen, die sich in ihrer Zweigeschlechtlichkeit pudelwohl fühlt wollen wir nicht missionieren. Den Druck von Geschlechterungerechtigkeit und Frauendiskriminierung, der von so vielen jedoch verspürt wird, begegnen wir mit aller politischen Härte. Dabei wollen wir besonders an den Stellschrauben drehen, die systematische Geschlechterungerechtigkeit produzieren und somit das patriarchale System für die gesamte Gesellschaft festschreiben. Struktureller Diskriminierung des Geschlechtes „Frau“ gilt es politisch zu begegnen und strukturell zu Bekämpfen. Diese Diskriminierung sehen wir vor allem in den Sozialversicherungssystemen, dem Arbeitsmarkt und dem Steuersystem. Gleichzeitig wollen wir Räume und Möglichkeiten schaffen für all die Menschen, denen das Denkgebäude der Zweigeschlechtlichkeit in all seinen theoretischen und praktischen Begrenzungen zu eng ist.

4. Wir betreiben weiterhin Sex-counting:

Bei Anmeldungen zu Veranstaltungen des Juso-Bundesverbandes muss, bei Bedarf, weiterhin das Geschlecht, das ein Mensch in seinem Personalausweis angegeben hat, angegeben werden. Eine Möglichkeit, dass sich, sobald alle „Männerplätze“ zu Kongressen belegt sind, findige sonst-immer-Männer anfangen, sich unter „anderes Geschlecht“ anzumelden und somit jegliche Idee der Dekonstruktion der Geschlechterkategorien konterkarieren wollen wir nicht bieten. Wir halten weiter an dem Ideal der ausgeglichenen Repräsentation der Geschlechter auf unseren Veranstaltungen fest. Wenn nötig auch mit der Quote.

5. Wir halten an der Frauenquote fest:

Dies gilt für die Besetzung von Listen, Posten und der Redeliste. Denn auch die Machtverhältnisse innerhalb unseres Verbands sind weiterhin zweigeschlechtlich aufgeladen, wie jeder und jede – leider – relativ einfach an den konkreten Zahlen in unseren Strukturen und Vorständen nachweisen kann.

6. Autonome Frauenstrukturen sind auch in unserem Verband notwendig:

Sie können dabei helfen, Frauen untereinander zu vernetzen, Schutzräume für Debatten zu schaffen, die in anderen Kontexten schwierig zu führen sind und Diskussionskulturen zu verändern. Autonome Frauenstrukturen sollen dabei als Tankstelle dienen, in denen Frauen Kraft für ihre weitere politische Arbeit schöpfen. Solche Strukturen haben aber auch ihre Schattenseiten. Allzu oft binden sie Kapazitäten von Frauen und entziehen so Ressourcen, anstatt – was eigentlich ihre Aufgabe sein sollte – Ressourcen freizusetzen. Gerade beim Einsatz von solchen autonomen Strukturen gilt es Augenmaß zu bewahren und sich am tatsächlichen Bedarf zu orientieren.

Diese beschriebenen Leitlinien können sicherlich noch nicht allumfassend sein, sollen uns jedoch bei unserer weiteren gleichstellungspolitischen Arbeit einen Rahmen geben.

Be Sociable, Share!

Tags: ,

13 Kommentare

  1. Elisa Scaramuzza sagt:

    Ich habe mich bereits beim ersten Mal über diesen Artikel aufgeregt und ja, auch wenn ich ihn nun ein zweites Mal lese… der Artikel ist dadurch nicht besser geworden.

    Ich finde es für die Jusos sehr peinlich, dass in einem Beitrag, der nicht nur in einem Blog, sondern auch als Printmedium unter dem Stichwort „Demokratie und Teilhabe“… Gleichstellung und queere Politik so gegeneinander ausgespielt werden. All jene, die sich selbst auch nur ansatzweise als „queer“ definieren, müssen diesen Beitrag als Angriff auf ihre – aus meiner Sicht – sehr weltoffene und aufgeklärte Haltung erachten. Und warum? Weil in diesem Beitrag unter dem Stichwort „Dekonstruktivismus“ auch queere Inhalte diskutiert und vermeintliche Anti-Feminist_innen, die die Dekonstruktion der Geschlechter zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, mit queeren Aktivist_innen nahezu schon gleichgestellt werden.

    Die Realität sieht aber anders aus; ich beispielsweise definiere mich selbst als „queer“ und kämpfe trotzdem sehr engagiert für die Gleichstellung der Frau. Ich kämpfe auch weiterhin für kompensatorisches Recht und damit verbundene Frauenförderung. Und ich bin in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Feminismus und Queer sind keine Gegensätze; in der Praxis gehen sie Hand in Hand. Anstatt sich also am Begriff „Queer“ abzuarbeiten und ihn fast schon als Teufelswerk zu verdammen, sollten wir eben an dieser Lebensrealität vieler Menschen anknüpfen, die sich vielleicht nicht eindeutig als Frau bzw. Mann identifizieren. So einen Scheiß zu lesen wie „Die große Mehrheit der Menschen, die sich in ihrer Zweigeschlechtlichkeit pudelwohl fühlt wollen wir nicht missionieren“ regt mich wirklich auf; damit werden die Bedürfnisse vieler Menschen, z.B. Trans* und Intersex*Menschen, fast schon ins Lächerliche gezogen. Es geht ja schließlich nicht darum, Menschen zu irgendeinem geschlechterlosen Zustand zu bekehren; sondern allein in erster Linie geht es darum, dass Menschen, die gerade diesem Muster NICHT entsprechen, ernst genommen werden. Die SPD und die Jusos bieten diesen Menschen aus meiner Sicht im Großen und Ganzen auch keine politische Heimat. Welche Queers, welche Trans* und Intersex*Menschen wollen die Autorinnen denn bitte vertreten? Wir haben uns in der Vergangenheit viel zu wenig damit beschäftigt; und es, wo es allmählich Tendenzen gibt… eben auch mal über die Geschlechterrollen hinaus zu denken, soll die Idee im Keim erstickt werden… so scheint mir.

    Der Beitrag bleibt auch hinter den gegenwärtigen Problemen des Feminismus zurück. Wenn wir eine solche Debatte führen, dann hätte ich mir gerne eine etwas größere Perspektive gewünscht. Feminismen haben nicht nur mit dem Dekonstruktionsdilemma zu kämpfen; auch das Gleichheits- und Differenzdilemma sind immer noch nicht gelöst. Anstatt sich an einem der drei Problemfelder abzuarbeiten… hätte ich mir ein umfassenderen Beitrag gewünscht, der endlich mal für eine Gleichstellungspolitik wirbt, die dazu in der Lage ist, Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion gemeinsam zu denken. DAS wäre mal fortschrittlich gewesen.

    Beliebt. Gut oder schlecht: Daumen hoch 38 Daumen runter 30

  2. Kritiker sagt:

    Ich stimme zu, dass das gesellschaftliche Geschlecht konstruiert ist. Dass biologische, und das zeigen zahlreiche Studien, ist es nicht.

    Beliebt. Gut oder schlecht: Daumen hoch 26 Daumen runter 13

  3. Hannes Hermannson sagt:

    Hallo!

    In vielem kann ich mich dem obigen Kommentar zu eurem Artikel anschließen. Ich möchte beginnen, indem ich aus dem Artikel zitiere:

    „Viele Jusos reagierten trotzdem mit Unverständnis auf die Leidenschaft, mit der die Debatte um die Unisex-Toiletten geführt wurde. Was für viele von der Grünen Jugend als entscheidende Frage im Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter diskutiert wurde, warf bei den Jusos eine ganz andere Frage auf: geht diese Diskussion an der gesellschaftlichen Realität vorbei? Und was nützt es eigentlich alleinerziehenden Müttern, die am Existenzminium knapsen, wenn ein paar Studis und AkademikerInnen auf das gleiche Klo in Brandenburg gehen?“

    Natürlich wollt ihr hier polemisch argumentieren. Ich kann aber sehr nachvollziehen, dass sich hier sehr viele Menschen, die sich entweder als „queer“ definieren oder für dieses Thema sensibilisiert sind, angegriffen fühlen. Selbst in einer Polemik muss es nun wirklich nicht sein, dass Gleichstellungspolitik und Queerfeminismus dermaßen gegeneinander ins Felde geführt werden. Das ist ignorant und verletzend und hat nicht viel mit einer herrschafts- und unterdrückungskritischen Linken zu tun. Peter Brückner hat einmal in „Psychologie und Geschichte“ geschrieben, eine emanzipatorische Linke müsse nicht nur gegen ökonomische Entfremdungen, sondern auch gegen dergleichen kulturelle, sexuelle, psychologische und ideologische. In diesem Sinne reicht es für die Jusos nicht aus, allein für die Gleichstellung des weiblich sozialisierten Subjekts zu kämpfen, sondern „an allen Fronten revolutionäre Aktion“ (Brückner, revolutionär hier im Sinne von radikal-emanzipatorisch) zu betreiben. Glechstellungspolitik muss natürlich ein zentraler Standpunkt des Verbandes bleiben. Praktisch ist dies also natürlich noch relevant, theoretisch doch aber schon längst durch die queere Theorie überholt. Wie wollt ihr das zusammenbringen?

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 11 Daumen runter 17

  4. Jolly sagt:

    Allein der erste Abschnitt tut für mich als trans* identifizierten juso echt weh. Klar geht das an der „gesellschaftlichen Realität“ vieler Jusos vorbei. Da ein Großteil der Jusos cis-Männer und ein weiterer nicht ganz so großer Teil cis-Frauen sind (cis bedeutet, bei Geburt einem bestimmten Geschlecht zugeordnet worden zu sein und auch in diesem zu leben (wollen)) und diese nicht das Problem haben sich für einen Dusch-/Toilettenraum entscheiden zu müssen und dann auch wieder aus ihm rauszufliegen, weil mensch da ja angeblich nicht hingehört.
    Dann wollt ihr die Menschen die sich in ihrem cis-sein ja sooo wohl fühlen nicht missionieren. Erstens was meint ihr denn mit missionieren? Ich habs noch nicht hinbekommen eine Person durch meine bloße Überzeugungskraft auch trans zu machen. Und ein großteil der Deutschen fühlt sich auch im Rassismus und Antisemitismus „pudelwohl“, verzichtet ihr dann auch darauf den anzugreifen?!
    Weiterhin Sex-counting zu betreiben ist ja sinnvoll, aber auf Zweigeschlechtlichkeit zu beharren marginalisiert trans und inter menschen. Wenn ihr Angst habt, dass sich Männer unter anderes Geschlecht eintragen um noch rein zu kommen, müsst ihr vielleicht euren Verband in den Griff bekommen und alle die die Notwendigkeit von „Sex-counting“ verstehen, kann mensch durch einen netten hinweistext vor der checkbox für Geschlecht sicher dazu bringen das anzukreuzen, was ihrer identität entspricht.

    Dann zum Thema autonome Frauenräume. Es ist relativ einfach diese Räume zu FLT* FrauenLesbenTrans* räumen umzugestalten. Das ist viel inklusiver und macht es auch wesentlich einfacher von einer biologistischen Frauendefinition wegzukommen. Denn den Pass könnt ihr auch nicht als Maß nehmen, im Perso steht nämlich nix von Geschlecht nur Vornamen sind eben doofer weise geschlechtlich besetzt. In eurer Duschfrage, führt doch einfach Duschzeiten ein, das wird schon länger so in AntifaCamps gemacht und funktioniert gut. Was Klos angeht, kann ich mir echt einen schönerer Schutzraum vorstellen, richtet lieber ein FLT* zelt/raum ein. Die meisten Klos haben eh abgetrennte Kabinen. Also kann auch ohne Probleme ein steh- und ein sitzklo eingerichtet werden.

    Und nur weil nicht alle Trans* und Inter* menschen schreien „hier! hier! ich bins!“ heißt es noch lange nicht, dass es uns nicht gibt. Wir wollen bloß nicht auf die kategorie Geschlecht reduziert werden. Wir machen genauso Wirtschafts-, Umwelt-, und Familienpolitik wie der Rest der Welt. Wir wollen nur, dass wir das in einer diskrimierungsfreien Umgebung tun können ohne uns ständig outen zu müssen.

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 13 Daumen runter 14

  5. Jolly sagt:

    Dazu noch einen gute Flyer in verschiedenen Sprachen und eine englische Website:
    http://trans.blogsport.de/trans-respekt-flyer/

    http://knowhomo.tumblr.com/post/30657742308

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  6. Phoenix sagt:

    Ich habe den wie ich finde sehr treffenden und überfälligen Blogeintrag nicht so verstanden, wie hier in einigen Kommentaren geschehen. Viel mehr glaube ich, dass die hier angeführte Rezeption des Blogeintrages dem selbigen nicht gerecht wird.

    Selbstverständlich sind die in den Kommentareinträgen geschilderten und argumentativ angeführten Probleme realer Art und ich verstehe den Blogeintrag auch nicht so, dass diese konkrete Realität der Problematik geleugnet oder gar – wie unterschwellig behauptet – bewusst minimalisiert wird.

    Viel mehr geht es aus meiner Sicht hier um eine Debatte, die wir als Jungsozialist_innen zu führen angesichts eines politisch-inhaltlichen Vertretungsanspruches konkrete Policies auch mittelfristig umzusetzen, zwangsläufig in der Lage sein müssen.

    In dieser Debatte geht es um Verteilungsfragen, um gesellschaftliche Ungleichheiten und massive Gerechtigkeitslücken, die wir verändern wollen und müssen und zu deren Veränderung es auch einer gesellschaftlichen Debatte bedarf, deren Deutungshohheit nicht bei antifeministischen Bundesfamilienministerinnen oder Arbeitgeber_innenverbänden liegen darf.

    Wir müssen hier wieder zu einer Debatte gelangen, die die eben auch konkreten Problematiken der prekären Beschäftigungsverhältnisse im bestehenden Niedriglohnsektor, der immer noch ungelösten Gerechtigkeitslücke auf dem Weg zum Equal Pay oder auch ganz konkret im eigenen Verband die Verständnisprobleme der „vielen Einzelnen“ für Instrumente wie Quotierungen klar als Problem benennen und realpolitische Lösung finden, die zu gesellschaflichen Mehrheiten führen können und werden. Aber diese Debatten müssen eben tatsächlich geführt werden!

    Ich komme somit nach der Lektüre des Blogs und der bisherigen Kommentierung zu dem Schluss, dass hier mitnichten konkrete politische Problemstellungen in ihrer Relevanz gegeneinander ausgespielt werden (sollen), sondern im Gegenteil die Relevanz reeller politischer Probleme und Fragestellungen erkannt, benannt und diskutiert werden, die für uns als Jungsozialist_innen wichtig sein müssen. Zu behaupten hier würde ein Problem gegen das andere ausgespielt, ist letztlich auch nur eine Umsetzung des eigenen Vorwurfs, indem die geschilderten Probleme gegen vermeintlich Relevanteres ausgespielt wird.

    Beliebt. Gut oder schlecht: Daumen hoch 12 Daumen runter 1

  7. Jan sagt:

    Mit Sicherheit sind die Belange von Menschen, die sich nicht in das gängige Schema von Mann und Frau einordnen wollen wichtig und sollten auch bei den Jusos Berücksichtigung finden. Aber was machen wir mit einer Mehrheit der Menschen, die sich als Männer und Frauen fühlen? Was mache ich denn mit der Erziehrin, die am Info-Stand darüber klagt, dass ihr Einkommen so gering ist? Ich kann ihr ja schlecht sagen, sie soll mal versuchen, sich nicht mehr als Frau zu fühlen.

    Bei allem Respekt vor der theoretischen Diskussion, die ich wirklich sehr wichtig finde! Aber haben wir uns in diesem Diskurs nicht schon längst in der dritten Abzweigung der zweiten Nebenthese fünften Grades verheddert? Geht es nicht vielmehr darum, den mittlerweile schon sehr alten Anspruch voller Teilhabe von Frauen an den Ressourcen einer Gesellschaft (Macht, Geld, Zeit etc.) endlich einzulösen? Haben wir nicht vor lauter Theorie die Änderung der Realität vergessen?

    In diesem Sinne verstehe ich den Beitrag und kann mich ihm nur anschließen.

    Beliebt. Gut oder schlecht: Daumen hoch 14 Daumen runter 4

  8. chris sagt:

    @Jan:
    die ganze „Theorie-Beschäftigung“ wird in diesem artikel ja deutlich und wurde von meinen Vorredner*innen ja beschrieben: es ist keine Theoriebildung! das ist hanebüchen und setzt sich mit modernen (queer-)theorien nicht auseinander.
    dass wir „der erzieherin“ helfen müssen – geschenkt!
    aber dass dieser artikel ein schlag ins gesicht ist für alle, die nicht „die erzieherin“ oder „der erzieher“ sein wollen. bäh!

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 11

  9. Elisa Scaramuzza sagt:

    Ich würde gerne ein weiteres Mal Bezug auf den Artikel nehmen und die dato erfolgte Diskussion. Nehmen wir mal den Artikel ein wenig auseinander. Die „Analyse“ bis zur Aufzählung ist aus meiner Sicht richtig; auch als queere Person stimme ich ihr so zu und hoffe, dass die Jusos dies weiterhin verfolgen. Dazu gehört insbesondere:

    1.) Das Überwinden der strukturellen Diskriminierung gegenüber Frauen:
    „Folgt man der Piratenpartei und der „postgender“-Haltung, gibt es folglich auch keine Geschlechterdiskriminierung mehr. Denn was es nicht gibt, kann auch nicht diskriminiert werden.“ UND „Und für einen feministischen Richtungsverband wie unseren noch weniger. Denn selbst wenn Geschlecht eine konstruierte Kategorie ist, die immer noch vorhandene gesellschaftliche Aufteilung in Zweigeschlechtlichkeit ist wirkmächtig und lässt sich nicht wegdiskutieren. Und nicht nur durchzieht die Strukturierung in Frauen und Männer unsere gesamte Gesellschaft, sie bestimmt ein Machtgefälle – und das betrifft nicht nur abstrakt sondern ganz konkret die ökonomische und soziale Verteilung in unserer Gesellschaft und damit die Lebenschancen, -welten und -realitäten. Davor einfach die Augen zu verschließen würde bedeuten, untätig in Hinsicht auf Diskriminierung qua Geschlecht zu werden.“

    2.) Die „Dekonstruktion“ der Geschlechter, um auch Personen außerhalb des binären Geschlechtersystems als Teil unserer Gesellschaft und unseres Verbandes zu akzeptieren und zu beteiligen: „Wir akzeptieren die Dekonstruktion der Geschlechter als einen theoretischen Aspekt in unserem Wertegebäude. Wir wollen, dass alle Menschen frei und selbstbestimmt leben können (…)“

    Alles, was DANACH kommt, sehe ich aber sehr, sehr kritisch, weil sich darin einige kontroverse Punkte und auch – nennen wir sie mal „Ausrutscher“ – finden lassen, die für einen sozialistischen und feministischen Jugendverband wie die Jusos absolut inakzeptabel sind:

    1.) „Gleichstellungspolitik ist mehr als Queer“ – das sehe ich genau andersherum. Gleichstellungspolitik ist häufig nicht dazu in der Lage, sich mit den Bedürfnissen der LGBTQI-Community auseinanderzusetzen, weil das nicht zur Lebensrealität vieler Frauen passt, ist ja auch verständlich. Viele Schwule und Lesben beschäftigen sich leider auch nur mit ihren gruppenspezifischen Inhalten, z.B. ausschließlich mit der Öffnung der Ehe. Ich persönlich empfinde „queer“ als offener und inklusiver, weil feministische und LGBTQI-Themen und –Aktivist_innen Hand in Hand gehen. Dieser Absatz stellt die Debatte aber so dar… als wäre „Queer“ ausschließlich ein Sammelsurium an „Verrückten“, die nicht einem heteronormativen Bild entsprechen – ohne sich mit „knallharter Umverteilung“ zu beschäftigen. Oh doch, das passiert. Es ist also aus meiner Sicht ein vermeintliches Ausspielen gegeneinander, wenn man die Situation so darstellt, dass Gleichstellungspolitik für die Umverteilung und queere Politik für das Aufbrechen heteronormativer Geschlechterrollen zuständig ist. Das stimmt so nicht und ist aus meiner Sicht auch unnötig; warum einen Konflikt herbeiführen, der nicht existiert?

    2.) „Für die Mehrheit der Menschen geht es nicht in erster Linie darum, sich aus den Ketten ihres Geschlechtes zu befreien. Sie fühlen sich eigentlich als Mann oder Frau recht wohl in ihrer Haut. Dies wollen wir nicht pathologisieren sondern akzeptieren es als Ergebnis gesellschaftlicher und kulturelle Sozialisation“ – ich teile die Auffassung, aber nicht die Formulierung. Es sieht dadurch vielmehr so aus, als würden queere Kreise probieren, anderen Menschen ihr Geschlecht auszureden. Das ist nicht der Sinn queerer Politik; es geht – aus meiner Sicht – vielmehr darum, sich damit auseinanderzusetzen, wie Menschen ihr Geschlecht entwickelt und auch wahrnehmen. Ist eine Frau z.B. nur weiblich, wenn sie das und das macht? Was macht Frausein und Mannsein aus? Das hat nichts damit zu tun, Menschen dabei zu unterstützen „sich aus den Ketten ihres Geschlechts zu befreien“, sondern eine geschlechtersensible Haltung zu entwickeln, in der Menschen begreifen, dass wir unsere Identität und vielleicht auch unser(e) Geschlecht(er) unterschiedlich leben, ausdrücken und wahrnehmen.

    Nicht akzeptabel sind vor allem solche Sätze wie „Die große Mehrheit der Menschen, die sich in ihrer Zweigeschlechtlichkeit pudelwohl fühlt wollen wir nicht missionieren“, gleichzeitig werden solche Ausfälle dann teilweise korrigiert mit Sätzen wie „Gleichzeitig wollen wir Räume und Möglichkeiten schaffen für all die Menschen, denen das Denkgebäude der Zweigeschlechtlichkeit in all seinen theoretischen und praktischen Begrenzungen zu eng ist“. Beide Sätze passen nicht zusammen; das eine zu sagen und das andere hinterherzusetzen… wirkt aus meiner Sicht eigentlich nur scheinheilig. Der erste Satz greift queere Menschen indirekt an und der zweite lässt es so wirken… als wären die Jusos dann doch so barmherzig, die Debatte um Geschlecht auch für queere Menschen zu öffnen.

    3.) „Sozialistische Gleichstellungspolitik muss in der Lage sein, gesellschaftliche Verhältnisse anzugreifen: Auf dem Weg zu einer gleichgestellten und freien Gesellschaft kommt uns als Verband die Rolle zu, Konzepte zu entwickeln, um Macht- und Verteilungsfragen konkret anzugreifen. (…) Gleichstellung kann sich für unseren Verband nicht darin erschöpfen, unsere eigenen Bilder zu reflektieren und in unserem beschränkten Rahmen Sensibilisierungsarbeit zu leisten“ – und ein weiteres Mal sieht es so aus… als würde queere Theorie keinen Beitrag dazu leisten; damit bleiben die Autorinnen hinter dem aktuellen Stand der queer-theoretischen Debatten zurück. Dazu möchte ich zwei Dinge anmerken:

    A) Macht- und Verteilungsfragen sind wichtig, aber aus meiner Sicht beschränken sich die Jusos zu sehr auf die Kategorie der „Klasse“; es geht IMMER, IMMER, IMMER NUR um die soziale Frage. Sie ist wichtig und muss zu jeder Zeit gestellt werden, ABER: Es gibt auch noch andere Kategorien, durch welche Menschen diskriminiert werden. Das Konzept der Intersektionalität ist doch nicht neu; trotzdem funktioniert bei den Jusos in den allermeisten Fällen die Kategorie „Geschlecht“ nur im Kontext der sozialen Frage. Es geht nur um Frauen in Führungspositionen und Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen – ersteres halte ich für die politische Präsentation für erstrebenswert, auch wenn nur ein kleinerer Teil der weiblichen Bevölkerung davon betroffen ist; letzteres betrifft viele in Deutschland und ist ein untragbarer, unmenschlicher Zustand, der bearbeitet werden muss. Andere (weibliche) Gruppen werden aber kaum in den Blick genommen, was ich zutiefst bedaure. Warum diskutieren wir nicht die Situation behinderter Frauen, die einiger Muslima, lesbisch/bisexuelle/queere/Trans*Frauen, die z.B. in einer vermeintlich lesbi-schwulen Szene häufig aus dem Blickfeld geraten, weil’s meistens doch nur um weiße, mittelständische Männer geht? Und wenn wir die soziale Frage in den Blick nehmen, warum so kleinteilig? Warum diskutieren wir dann häufig nur Jobs auf Teilzeit- und 400-Euro-Basis, aber führen keine umfassende Sozialstaatsdebatte, z.B. warum wir in einem konservativen Wohlfahrtsstaat leben, der soziale Sicherheit auf Erwerbsbeteiligung zurückführt – und die SPD stützt das? Solche Fragen müssen wir viel öfter in den Blick nehmen!

    B) Der letzte zitierte Satz stellt queere Politik als reine „Sensibilisierungsarbeit“ dar, die keinen Beitrag zur Diskussion um Macht- und Verteilungsfragen stellt. Ehrlich gesagt lese ich sehr viel über Kritik an neoliberalen Verhältnissen in queer-feministischen Werken und Magazinen… und diese Kritik beschränkt sich nicht nur auf die Situation vieler queerer Menschen, sondern ist dazu in der Lage, Macht- und Verteilungsfragen zu stellen, die Hintergründe zu analysieren und sie SOGAR mit queer-feministischen Ansprüchen zu verbinden. Eine Kritik an neoliberalen Verhältnissen ist also durchaus aus aus und mit einer queeren Perspektive möglich. So viel zur „harten“ Politik, die wir mal diskutieren und durchsetzen müssen. Darüber hinaus ist Sensibilisierungsarbeit in unserem Verband aber auch sehr wichtig; wie viele vermeintliche Sozialist_innen rennen bei den Jusos herum, die sich zwar als „Sozis“ bezeichnen, aber auch nach Jahren noch nicht begriffen haben, dass Sozialismus und Feminismus zusammengehören und nicht getrennt gedacht werden können? Wir beschäftigen uns mit gesellschaftlichen Fragen, ja, das ist auch richtig so; aber der Blick in den eigenen Verband und damit verbundene sexistische, homo- und transphobe und auch heteronormative Äußerungen und Verhaltensweisen (und diese natürlich aufzubrechen) finde ich auch wichtig und richtig, damit wir selbst auch unseren gesellschaftlichen Ansprüchen genügen.

    Alles, was ich unter dem Punkt 3) genannt habe, gilt übrigens auch für diesen Absatz: „Vielen neuere gender- oder queertheoretischen Bündnisse oder Aktionen geht es vor allem darum, mit hegemonialen Strukturen zu brechen, für Unordnung und Andersdenken zu sorgen. Alternative Denkmuster und –wege aufzuzeigen ist stets ein wichtiger Baustein unserer Jusopolitik gewesen. Wir können und wollen bei Information und Sensibilisierung jedoch nicht halt machen. Ziel einer jungsozialistischen Politik ist es, Herrschaftsverhältnisse zu verändern, Macht und Ressourcen umzuverteilen.“

    4.) „Wir betreiben weiterhin Sex counting. (…) Eine Möglichkeit, dass sich, sobald alle „Männerplätze“ zu Kongressen belegt sind, findige sonst-immer-Männer anfangen, sich unter „anderes Geschlecht“ anzumelden und somit jegliche Idee der Dekonstruktion der Geschlechterkategorien konterkarieren wollen wir nicht bieten.“ – Auch dieser Absatz zeigt, wie wenig sich mit queeren Inhalten auseinandergesetzt wurde. Mensch, Sex counting ist aus den bereits genannten Gründen sinnvoll und bei der Debatte um den Artikel geht es ja auch nicht darum, dieses abschaffen zu wollen, im Gegenteil; aber queere Diskurse und die Dekonstruktion der Geschlechter werden in einer völlig abgehobenen, nicht an der Lebensrealität vieler queerer Menschen anknüpfenden Art und Weise dargestellt… Keine „queere Stimme“ hat bisher als Reaktion auf diesen Artikel Sex counting, Frauenförderung, Frauenschutzräume usw. usf. in Frage gestellt – das habe ich persönlich z.B. auch nicht vor, sondern stehe in großen Teilen weiter hinter unserer bisherigen Gleichstellungspolitik. Dass die Autorinnen die Debatte um Unisex-Toiletten (und natürlich WIE sie geführt wurde) auf dem Bündniscamp vielleicht so irrelevant finden, dass sie sich fragen, was es “eigentlich alleinerziehenden Müttern, die am Existenzminium knapsen“, nützt, „wenn ein paar Studis und AkademikerInnen auf das gleiche Klo in Brandenburg gehen“, verstehe ich – aber „queer“ besteht doch nicht nur aus solchen Situationen, aus solchen Debatten; das ist eine verkürzte Darstellung, die die Autorinnen in diesem Artikel vornehmen. Und das, ja, gerade DAS – ärgert mich so wahnsinnig.

    Ich halte an meinem Urteil fest: Der Artikel spielt Gleichstellungs- und queere Politik gegeneinander aus, weil das eine sich ja mit Macht- und Umverteilungsfragen beschäftigt und Realpolitik macht und das andere NUR mit heteronormativen Geschlechterrollen bricht und innerverbandlich sensibilisiert (was so ausgedrückt sogar noch zu „nett“ erscheint, im Artikel ist das härter formuliert). Gleichzeitig werden queere Menschen so dargestellt… als würden sie sich nur mit abgehobenen Theoriedebatten beschäftigen, die REIN GAR NICHTS mit dem gesellschaftlichen Leben zu tun haben und als wollen sie „normale, weiblich bzw. männlich sozialisierte und glückliche“ Menschen zum Queersein missionieren. Queere Menschen und queere Politik sind aber nicht so; anstatt solche abgefuckten Debatten zu führen, würde ich mir also wünschen, dass wir die Anliegen vieler queerer Menschen ernst nehmen und für diese streiten und sie nicht bereits damit im Keim ersticken, dass sie sowieso an der „Lebensrealität“ vieler Menschen in dieser Gesellschaft vorbeigehen.

    Ich sehe keinen Grund darin, warum uns DAS aufhalten sollte; wir sind die Jusos. Und wir müssen fortschrittliche Politik machen, die die SPD antreibt und die den Blick auch auf Gruppen richtet, die nicht mit genug Macht und Teilhabe ausgestattet sind – und Macht und Teilhabe bedeutet für viele Menschen in dieser Gesellschaft auch … überhaupt gesehen und wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Teilhabe ist auch, vielleicht auch in erster Linie… aber nicht immer nur materieller Natur.

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 13 Daumen runter 10

  10. Sissy sagt:

    Ausgeblendet weil niedrig Kommentarbewertung. Klicken, um zu sehen.

    Unbeliebt. Gut oder schlecht: Daumen hoch 7 Daumen runter 15

  11. Daniel sagt:

    Liebe Leute,

    villeicht können mir die KritikerInnen + Kritiker*innen des Artikels bitte mal erklären, wie sie die folgenden zwei Probleme lösen wollen:

    KLO-DEBATTE
    Solange genügend Räume vorhanden sind, soll ja gerne drei Toiletten / Duschen etc eingerichtet werden.

    Wie steht ihr aber, wenn es entweder binäre Toiletten oder Duschräume gibt ODER Unisex? Heben wir dann als Jusos einfach mal Schutzräume auf?

    DIE FRAUEN-QUOTE IM VERBAND
    Dekonstruktion der Geschlechter bedeutet das Wegfallen der Möglichkeit die bestehende Quote anzuwenden.

    Wie wollt ihr das lösen? Oder wollt ihr das nicht lösen und die Quote mit den Geschlechtern beerdigen?

    MsG

    Daniel

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 4 Daumen runter 8

  12. Leo sagt:

    Liebe Genoss_innen,

    erst einmal danke ich Helene, Johanna und Katharina für die Beschäftigung mit dem Thema und den vielen guten Ansätzen, die darin beschrieben werden. Ich möchte auch nicht auf all meine Kritikpunkte eingehen, sondern verweise hier auf die Kommentare von Elisa und Jolly, die das alles bereits sehr gut in Worte gefasst haben. Ich kann mich auch nur dem anschließen, dass die queere Perspektive der feministischen Politik niemals Frauen*-Förderung, -Schutzräume, und -Quote infrage stellen darf. Ansonsten ist das in meinen Augen weder queer, noch feministisch und jungsozialistisch wäre es damit sowieso nicht. Die queerfeministische Perspektive hilft uns aber, unsere Politik und unsere Arbeitsweise zu hinterfragen und zu erweitern.

    Ich möchte euch aber kritisieren in der Art und Weise, in der ihr den Artikel verfasst habt: unangemessene Polemik als Stilmittel in einigen Sätzen und Unsensibilität gegenüber den gesellschaftlichen Problemstellungen von LGBTTIQ* seien hier genannt. Ich würde mir von euch wünschen, dass die Debatte in Zukunft sachlicher und sensibler geführt wird.

    Außerdem möchte ich mich mit einigen Unterstellungen aufräumen, die in dieser Debatte mitschwingen, ggf. aber nicht explizit genannt wurden. Einiges bezieht sich auf Kommentare (wird nicht immer gekennzeichnet, sorry) oder ist ein allgemeiner Debattenbeitrag. Die Argumente sind unsortiert (zweites Sorry).

    „Es geht ja bloß um Theorie“
    Der Artikel verwendet Wörter wie Queer* (oder Trans* oder LGBTTIQ* nur auf der Ebene von Fachbegriffen, die sich auf Theorie beziehen. Dabei geht es hier um Menschen! Wird über Menschen gesprochen, ist die Rede nur von Frauen* und Männern*. Das ist unzureichend, denn es geht hier um konkrete Politik für konkrete Menschen. Es passiert also etwas, was uns als Femist_innen nicht passieren darf: Menschen werden von uns unsichtbar gemacht.

    „Queerpolitik ist eine Antwort auf alles“
    Dieser Anspruch wurde von queer-feministisch Interessierten bei den Jusos nie erhoben nach meiner Kenntnis. „Jan“ fragt in seinem Kommentar: „Was mache ich denn mit der Erziehrin, die am Info-Stand darüber klagt, dass ihr Einkommen so gering ist?“ Er könne ja nicht einfordern, dass sie einfach ihr Geschlecht wechsle. – Eine vollkommen richtige Einstellung, denn dies hätte ja auch nichts mit der Frage zu tun. Schließlich würde ein_e gute_r Wahlkämpfer_in auf eine Umweltpolitische Frage ja auch nicht mit Schulpolitik beantworten. Daher kann ich „Jan“s Einwurf hier nur eine ungeeignete Polemik nennen. Feministische Antworten kann es nur auf feministische Problemstellungen geben!

    „Es geht ja gar nicht um Probleme“
    Ich möchte diese Frage mit konkreten Beispielen (und Themenvorschlägen) beantworten.
    Beispiel Juso-Verband: Ich bitte um Kenntnisnahme, dass es für einige Trans*Menschen (andere LBTIQ* kann ich nicht gut beurteilen) bei den Jusos eine Belastung darstellt, dass von ihnen Outings erwartet werden, dass sie vor und während Parteiwahlen die Angst umtreibt wegen ihres Passings (hier: ein Auftritt, eine Kleidung, ein Aussehen, das nicht mit dem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht übereinstimmt) nicht erfolgreich sein werden, das „Gerede hinterm Rücken“ kommt, dass auf der „falschen Seite der Liste“ reden oder kandidieren sollen. All das gibt es bei uns im Verband und es gibt nicht für all diese Fälle autonome Räume oder andere Lösungen. (Das macht die bisherigen nicht unwichtiger, erfordert aber ggf. weitere.) Es geht nicht um Theorie, es geht um konkrete Probleme.
    Beispiel Arbeitsmarkt: Trans*menschen sind äußerst häufig prekär beschäftigt. Das liegt daran, dass sie häufiger abgelehnt werden, Arbeitsvermittlung verweigert wird. Sie sind selten vollbeschäftigt (unter 1/3 in Europa) Sie verlieren häufiger den Arbeitsplatz als andere, werden seltener bis nie befördert. Sie haben ein geringeres Durchschnittseinkommen (USA: unter 25T $)als Männer* (46T $) und ein schlechteres als Frauen* (35T $). Sehr viele Trans*nenschen haben Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz gemacht. Sie verlieren häufiger ihren Job. (Trans*people of Color sind noch stärker betroffen.)
    Beispiel Gesundheitspolitik: Intersexe werden in Deutschland (und fast überall sonst) sehr häufig die Geschlechtsteile beschnitten. Dieser unnötige, schwer körperverletzende Eingriff führt bei ¼-½ der Betroffenen zu schweren Komplikationen und Folgeoperationen. – Trans*menschen haben eine andere Problemstellung: Gewaltverbrechen gegen sie, Beschäftigung in der Sexarbeit und Prekarität führen zu häufigeren Erkrankungen und einer geringeren Lebenserwartung als bei Frauen* und Männern*.
    Beispiel Personenstandswesen: Weder Intersexe noch Transmenschen werden angemessen im Personenstand berücksichtigt. Intersexe werden gar nicht berücksichtigt. Transmenschen können über den sehr kostenaufwendigen, verwaltungshürdenreichen und pathologischen Weg des Transsexuellengesetzes eine Personenstandsänderung beantragen oder werden nicht berücksichtigt.
    Beispiel Familienpolitik: LGBTTIQ* wird die Ehe (→Steuerrecht, →Erbrecht, →Adoptionsrecht) erschwert oder verwehrt. Homosexuelle werden hier ganz ausgeschlossen, während Trans*menschen teilweise ausgeschlossen werden. Intersexe können je nach Passgeschlecht eine bürgerliche Ehe eingehen, allerdings nicht mit Menschen, die dasselbe Passgeschlecht haben wie sie.
    Feministische Politik soll, so schreiben es Helene, Johanna und Katharina, „die Lebensrealitäten von allen Menschen … verbessern“, beziehen dies aber nur auf Frauen. Alle Frauenpolitik bleibt genauso wichtig wie zuvor. Ich meine, dass eine feministische Politik, die die von geschlechtlicher Diskrimnierung unterschiedlich Betroffenen LGBTTIQ* ausblendet, keine umfassende feministische Politik ist. Denn, auch da liegen die drei richtig, reale Machtverhältnisse müssen sichtbar bleiben. Dies gilt für die Machtverhältnisse gegenüber allen Nicht(-cis-)Männern, nicht nur für Frauen*. Feminismus ist für mich der Kampf gegen jede und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht. Frauen*, die darum kämpfen werden immer meine Solidarität haben. Ich fordere sie aber auch von allen (feministischen) Frauen* ein.

    „Dekonstruktion bedeutet: kein Sex Counting“
    Geschlecht soll nicht als Kategorie dekonstruiert werden soll (es wird als Kategorie beibehalten), sondern es geht um Dekonstruktion der binären Geschlechterkonstruktion „Mann und Frau“ innerhalb dieser Kategorie. Hierin liegt ein entscheidender Unterschied!
    Es gibt auch aus queerfeministischer Perspektive berechtigte Kritik am Sex Counting, nämlich dass es in der Regel die binäre Geschlechterkonstruktion aus „Mann“ und „Frau“ reproduziert (hier: bestätigt und neu hervorbringt). Das heißt aber nicht, dass es nicht stattfinden darf.
    Eine Möglichkeit wäre es bspw. Sex („bei Geburt zugeschrieben als …“) und Gender („fühlt sich als …“) getrennt zu erfassen. Oder hier noch weitere Kategorien aufzunehmen, die es Menschen, die weder cis-Frau noch cis-Mann sind, eine Beteiligung am Counting ermöglichen. Die Frage, ob ein Geschlecht im Personenstand erhoben werden muss, kann hiervon erstmal getrennt diskutiert werden.

    „Dekonstruktion bedeutet: Abschaffung der Quote“
    Hier habe ich bislang keine Antwort, die Frauenförderung und queerfeministischer Perspektive gerecht wird, würde aber die Frauenquote keineswegs abschaffen wollen. Eine zusätzliche LGBTTIQ*-Quote ist irgendwie nicht die Lösung. Was mich grundsätzlich aber an der Debatte „Queer und Quote/formale Beteiligung“ bei den Jusos stört, ist, wenn sie ohne LGBTTIQ*-Menschen geführt wird. Eigentlich können das diejenigen nur selbst wissen, was sie wollen.

    „LGBTTIQ* ist ein Sammelbecken“
    Nein. Erstens handelt es sich nicht um eine Residualkategorie („Rest“), sondern um eine von teils ähnlichen Problemen betroffenen Gruppe. Diese besteht aber aus diversen einzelnen Gruppen mit je eigenen Unterdrückungserfahrungen und eigenen Ansprüchen. Es ist nur selten möglich, für oder über alle LGBTTIQ* zu sprechen und auch nicht wünschenswert. Auch wollen nciht alle Einzelnen von diesem „Sammelbecken“ vereinnahmt werden.

    „Die Piraten machen postgender“
    Die Pirat_innen machen nicht post-gender. Die Pirat_innen haben nicht Geschlecht als binäre Konstruktion überwunden, sondern was sie ablehnen, ist die Kategorie Geschlecht selbst (und damit auch das Sex Counting). Damit gewähren sie den gesellschaftlich hegomonialen cis-Männern die Vormacht und die Definitionsmacht über die geschlechtlichen Verhältnisse in ihren Reihen (und via Landesparlamente auch in der ganzen Gesellschaft). Die Pirat_innen sind also prä-gender.

    Vielen Dank fürs Zuhören & msG
    Leo (Jusos Berlin)

    Aktive Debatte. Was denkst du? Daumen hoch 10 Daumen runter 7