Glück Auf und Wasser Marsch!

Bildrechte: flickr CC - andre.m(eye)r.vitali

Zeche Zollverein. Bildrechte: flickr CCandre.m(eye)r.vitali

„Die Zukunft der Energiewende liegt in den Kohleschächten des Ruhrgebiets.“

Dieser Satz sorgt natürlich allein durch das Wort „Kohle“ schon für lautstarken Widerspruch. In Umweltverbänden, bei den meisten Parteien und auch in unserem Verband. „Kohle“ – das ist doch von Vorgestern und höchstens in der Bergbauromantik der Nordrhein-Westfalen und Nordrhein-Westfälinnen noch irgendwie sympathisch. Ich persönlich finde den Satz vollkommen richtig.

An diesem Wochenende treffen sich zum zweiten Mal die Projektgruppen des Bundesverbandes. Im Projekt „Transformation der Wirtschaftsweise“ diskutieren wir die Frage einer gelungenen Energiewende und wie „unser Entwurf einer postfossilen Gesellschaft“ (Arbeitsprogramm „Morgen links leben“) aussieht. Der Wunsch sicher und schnell auf 100% erneuerbarer Energien umzusteigen, teilt die Mehrheit der Gesellschaft. Gut so. Nur der Weg ist nunmal nicht ganz so einfach.

Aktuell besteht der Endenergieverbrauch beim Strom in Deutschland aus knapp über 20% erneuerbaren Energien mit steigender Tendenz. Aber grade bei den Spitzenlasten, wenn morgens kurz nach 8 die Maschinen angeschaltet und die Rechner hochgefahren werden, wenn in der Mittagszeit in den Kantinen der Republik das Essen mit kalten Pommes serviert wird und um 5 alles wieder herunterfährt sind die fossilen Energieträger (zurzeit vor allem Braunkohle) unverzichtbar um eine dauerhafte Grundversorgung sicherzustellen. Sonst werden die kalten Pommes am Ende noch kälter sein. Und so warnen in der zu erwartenden Regelmäßigkeit die Energiebosse vor einem Black-Out und beweisen damit eher einen geistigen Shut-Down, als die notwendige unternehmerische Motivation um die Energiewende zu gestalten.

Es stimmt, dass der Wind schwieriger einzuschätzen ist als eine Schüppe Braunkohle. Es stimmt, dass die Sonne im Winter (und damit bei höherem Energieverbrauch) seltener leuchtet als ein Uranblock, der zigtausende Jahre alles Erreichbare verstrahlt. Und leider kann man Wind, Sonne und Wasser auch nicht mal eben sagen: „Es ist gleich 8 Uhr Leute, dreht mal etwas auf.“ – Die Herausforderung besteht also darin, nicht nur die Grundlast zu sichern, sondern auch bei Windstille die Mittel- und Spitzenlast des Stromverbrauchs zu liefern. Planbar, sicher und schnell in den Stromkreislauf zuschaltbar. So, aber was hat das nun alles mit den Zechen des Ruhrpotts zu tun?

Die effizienteste und energiereichste Form um Energie bei Überangebot zu speichern und bei hoher Nachfrage ins Netz wieder abzugeben, sind Pumpspeicherkraftwerke. Das Prinzip ist einfach und funktioniert in dieser Form seit dem 28. Januar 1930: Mit einer Turbine und einer Pumpe wird Wasser von einem See einen Hügel, Berg oder Stausee hochgepumpt und wenn es gebraucht wird, über die selbe Turbine (diesmal an einen Generator gekoppelt) mit Schwung wieder in den See runtergelassen. 75%-80% der Energie kommt wieder zurück und zwar genau dann, wenn man sie braucht. Selbst bei totalem Stromausfall können diese Kraftwerke (ganz anders als die Kraftwerke mit fossilen Energieträgern oder Kernenergie) ohne externer Energiezufuhr anlaufen (Schwarzstartfähigkeit). Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung geht davon aus, dass allein die derzeitige Wasserbeckenkapaziät der norwegischen und schwedischen Speicherkraftwerke ausreicht, um jedwede Schwankung der erneuerbaren Energien im Jahr 2050 (!) auszugleichen. Wenn es denn dann eine belastbare Nord-Süd-Netzanbindung gäbe.

Aber auch dezentral und vor Ort kann mit dieser Speichertechnik die Energiewende weiter vorangebracht werden. Gleich an mehreren Orten, bspw. in Kochel (Bayern), Forbach (Ba-Wü) und Hamm (NRW) sind Überlegungen für neue Kraftwerke vorhanden. Natürlich sind große Wasserbecken und stark variierende Wasserstände Eingriffe in die Natur. Und je nach Ort gehen Umweltschützer_innen, Tourismusverbände oder Anwohner_innen auf die Barrikaden. Wenn es jetzt nur einen Ort gebe, wo viel Wasser hinkönnte, ohne dass Fische, brütende Vögel oder Bergwander_innen gestört werden?

„Und da drunten in dem tiefen finst’ren Schacht, bei der Nacht“

Ein Projektteam rund um die Ruhrkohle AG (RAG), Ruhr-Uni-Bochum und der Universität Duisburg-Essen hat sich die Zeile des Steigerlieds zu Herzen genommen und entwickelt ein Realisierungskonzept für ein Unterflur-Pumpspeicherkraftwerk, dass die unterirdischen Anlagen des Steinkohlebergbaus als regionalen Speicher erschließen soll. Ein bedenkenswerter Ansatz und tausendmal mehr Mut und Ideenreichtum als die Bosse der großen Energieerzeuger beweisen, wenn sie mal wieder vor einem Black-Out warnen. Ungefähr 30 der bisher geprüften ehemalige Zechen könnten für ein derartiges Kraftwerk genutzt werden.

Die Zukunft der Energiewende liegt also auch in den Kohleschächten des Ruhrgebiets. So könnten an Orten, wo vor vielen Jahren und Jahrzehnten der letzte Kumpel das Zechentor schloß, neue Arbeitsplätze und zukunftsweisende Projekte entstehen. Und wenn wir den nötigen Mut haben, die Energiewende wirklich zu gestalten, dann braucht man gegebenenfalls für eine Grubenfahrt in 10-20 Jahren eine professionelle Taucherausrüstung.

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