Leben wir in einem Land, in dem mehr Schranken steh’n, als es Wege gibt?

Die letzten Tage und Wochen haben mich sehr nachdenklich werden lassen. Selten bin ich so sauer gewesen, so enttäuscht. Was ist los in Deutschland? Was ist los mit den Menschen? Wieso muss immer wieder diese hässliche deutsche Fratze zum Vorschein kommen?

Hilfe für Flüchtlinge ist in meiner Familie tief verankert. Zu Beginn des Jugoslawienkrieges haben meine Eltern Flüchtenden erst in Deutschland, und später in ihrer Heimat, geholfen. Sie haben Spenden gesammelt, Behördengänge erledigt, Krankenwagen mit Medizin in die Kriegsgebiete gebracht. Aus den Geflüchteten wurden Freunde, zu denen auch 20 Jahre später teilweise noch enger Kontakt besteht. Die in dieser Zeit erfahrene Freundschaft und Herzlichkeit lässt mich immer wieder glücklich werden. Umso schlimmer erlebte ich die letzten Tage.

Wann sind Deutschland und dieses Deutschsein wieder so hässlich geworden? Oder waren sie es schon immer? Fing es an in Rostock-Lichtenhagen? Mit der Fußball-WM 2006, als alle „zu Gast bei Freunden“ waren? Als es wieder als schick galt, sich schwarz-rot-gold anzumalen? Begann es mit dem WM-Sieg Deutschlands letztes Jahr? Mit Pegida? War es nie weg?

Wie dieses Deutschsein oft aussieht, haben wir in der letzten Zeit erlebt: Hässlich. Unfassbar hässlich. Ich schäme mich dieser Tage so sehr wie noch nie, dass ich einen deutschen Pass besitze.

Menschen die vor Krieg, Hunger und Verfolgung fliehen, suchen Schutz bei uns. Längst nicht alle kommen an. Die, die es schaffen, sind immer wieder Gewalt ausgesetzt. Neuer Verfolgung. Durch Menschen, die meinen, ihr Land zu schützen. Seine Werte. Sind diese Werte das Anzünden von Häusern? Verfolgen von Wehrlosen? Übergriffe auf Flüchtlinge? Aufmärsche voller Gewalt und Hass? Hat dieses Land wirklich nicht mehr zu bieten, als ein paar Millionen Arschgesichter mit ’ner Fresse voller Hämorrhoiden? Die meinen, dies Land sehr zu lieben, doch sind nicht sehr zufrieden?*

PolitikerInnen fordern, Flüchtlingen die Sozialleistungen zu kürzen oder ihre Kinder nicht mehr einzuschulen. Mit genau solchen Forderungen wird die Situation verschärft. Das spielt Nazis in die Karten. Wenn selbst hochrangige PolitikerInnen sagen, dass AsylbewerberInnen zu viel Geld kriegen, verfängt das Argument, das Nazis seit Jahrzehnten verwenden. Wenn sie sich mit Pegida gemein machen, verliert der Mob seinen Schrecken.
Wir erleben nicht das plötzliche aufpoppen rechter Gewalt. Wir erleben das, was sich die letzten Jahre hochgeschaukelt und verstärkt hat. Wenn wir uns jetzt nicht entschlossen gegen den braunen Sumpf stellen, wird es noch schlimmer. Dann brennen nicht nur Häuser, dann brennen bald Menschen. Und niemand will es haben kommen sehen.
Dass das Willy-Brandt-Haus wegen einer Bombendrohung geräumt werden musste, ist der Moment, der zeigt, wie groß die Gefahr von Rechts für uns alle ist. Die Worte von Sigmar Gabriel gegen das braune Pack waren richtig. Das Aufstehen gegen Rechts von Yasmin Fahimi nach der Bombendrohung war konsequent. Wir müssen uns das als Sozialdemokratie erhalten!
Ein guter Freund von mir beginnt nächste Woche hauptamtlich in einer Flüchtlingsunterkunft zu arbeiten. Dort werden Menschen leben, die eine lange, schwere Reise hinter sich haben und in Deutschland Schutz suchen. Werden sie diesen Schutz finden? Werden sie herzlich aufgenommen und finden eine Perspektive? Oder muss ich mich sorgen? Um meinen Freund, seine KollegInnen und die Geflüchteten? Kommt irgendein hirnverbrannter Mensch, der seine grauen Nazizellen nur noch zum Hassen verwendet, und zündet das Gebäude an oder verprügelt jemanden? Wie sollen wir noch in diesem Land leben, wenn wir nicht mal unsere Gäste schützen können?
Viele Menschen gehen auf die Straße und stellen sich dem rechten Pack entgegen. Viele helfen Geflüchteten. Es müssen mehr werden, viel mehr. Wir müssen denen, die unsere Hilfe brauchen, helfen. Bedingungslos. Und wir müssen unsere Politik ändern. Einreisen muss erleichtert werden, sichere Drittstaaten und -Herkunftsländer gehören abgeschafft. Das Asyl- und das Bleiberecht müssen entschärft werden. Wir müssen endlich eine menschliche Asylpolitik machen.

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