Gemeinsam (!) Grenzen einreißen! – Ein Gespräch.

von Delara Burkhardt und Charlotte Rosa Dick (beide stellv. Juso-Bundesvorsitzende)

Delara: Heute am 8. März ist der internationale Frauentag– ein Tag der 1911 von der Sozialistin Clara Zetkin begründet wurde und wie kein anderer Tag für den Kampf um die Gleichstellung aller Geschlechter steht. Ein Kampf, der, wie uns die Geschichte der Frauen*bewegung zeigt, kein einfacher ist und noch lange nicht vorbei ist. Als Feministin hege ich an diesem Tag ambivalente Gefühle.

Zum einen mobilisieren wir als Jusos mit vielen anderen zu Demonstrationen, Aktionen, Veranstaltungen – zuletzt im Frauen*kampftagsbündnis in Berlin, dessen Aufruf 5.000 Menschen folgten. Uns alle eint das gleiche Ziel: eine andere Gesellschaft. Eine Gesellschaft in der es egal ist, welches Geschlecht man hat. In der niemand aufgrund von Rollenbildern, Klischees und Stereotypen an der eigenen, freien Entfaltung und einem selbstbestimmten Leben gehindert wird. In der das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung und wirtschaftliche, politische und rechtliche Gleichheit für alle besteht. Dieses Gefühl „viele“ zu sein ist motivierend und macht unsere Forderungen laut hörbar.

Wir sind viele, aber wir sind nicht alle. Da stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist.

Charlotte: Als ich mit 14 zu den Jusos gekommen bin wollte ich eines auf keinen Fall sein: Eine Feministin – Feminist*innen waren für mich in der Schule immer die gewesen, die mir sagen wollen, wie ich zu sein habe. Natürlich wollte ich, dass alle Menschen gleich sind, ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass das der Kern des Feminismus ist. Wie auch, ich war ja bislang noch an keine Grenzen gestoßen und Diskriminierung war ein Fremdwort für mich.

Delara: Ähnlich war das bei mir auch. Man wird irgendwie nicht als Feministin* geboren, sondern muss einen Zugang finden. Ich glaube, das liegt an der Stigmatisierung des Feminismus als politische Bewegung – was bei weiterhin patriarchalen Gesellschaftsstrukturen nicht weiter verwundert. Die „radikalste“ Form der Stigmatisierung ist der Antifeminismus. Antifeminist*innen positionieren sich gegen Gleichstellung, gegen sexuelle und körperliche Selbstbestimmung, stehen für ein antiquiertes Familien- und Frauen*bild und bewegen sich nicht selten am antidemokratischen, rechten Rand – sind also eher nicht die, die uns im Feminismus fehlen.

Charlotte: Genau! Interessanter werden die Menschen, die den Feminismus als „nicht zeitgemäß“ empfinden. Man ist sich bewusst, was die Frauen*bewegung erreicht hat, jedoch sei man jetzt rechtlich gleichgestellt und könnte ja alles erreichen, wenn man nur will. Das ist natürlich ein elitärer Standpunkt, der auch an seine Grenzen stößt. Die Erfahrung von struktureller Diskriminierung von Frauen* im Erwerbsleben, die Alltäglichkeit von Sexismus und sexueller Gewalt – das sind Diskriminierungen, die für alle Frauen* spürbar werden .

Delara: Trotzdem gibt es ja nicht die Frau* genauso wenig wie es den Feminismus gibt. Die Lebensrealitäten sind also unterschiedlich, die Diskriminierungen sind komplexer und nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf Herkunft, Klasse, sexueller Orientierung oder Religion u.A. zurückzuführen. Es sind also die unterschiedlichen Lebensrealitäten, die eigene Sozialisation, die es so schwer machen, für alle Frauen* einen Zugang zum Feminismus zu finden. Da muss selbst-kritisch geprüft werden: Sind Sprache und Diskussionskultur überhaupt offen für alle Frauen*?

Charlotte: Dabei bewegt sich einiges! Das Motto des diesjährigen Frauen*kampftagsbündnis, hat ganz gut beschrieben, worum es eigentlich geht. “Gemeinsam grenzen einreißen” Denn so gut wie jede Frau* stößt in ihrem Leben an Grenzen. Diese Grenzen sind ganz unterschiedlich, wie auch unsere Feminismen. Doch bei allen Widersprüchen,wir alle wollen die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern und das geht nur, wenn wir gemeinsam und solidarisch für eine andere Gesellschaft kämpfen – nicht nur am heutigen Tag!

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