I’m with her! Hill yes! 5 Tage study trip in den USA

Auf Einladung der PES, IUSY, YES und Modern Action Strategies durfte ich vom 01.09.-07.09. auf einem Youth Campaign Camp eine Woche lang den US-amerikanischen Wahlkampf begleiten.

DLCCUnser study trip startete in Washington D. C. im Headquarter des Democratic Legislative Campaign Committee mit einem Input von Benjy Messner, einem Datenspezialist von Precision Strategies zum Thema Big Data/Online Campaigning. Precision Strategies ist die Marketingfirma, die Barack Obama im Wahlkampf 2012 beraten hatte. Besonders fasziniert war ich von der Fülle an die Daten, die solche Unternehmen verwenden können um Statistiken und Kalkulationen zu generieren, die uns als Parteien so in Deutschland, aufgrund der Datenschutzrichtlinien, zumindest nicht auf legalem Wege zugänglich sind. Messner verteidigte dieses Vorgehen indem er argumentierte, dass sich im Laufe der Zeit nur die Träger*innen der Daten und deren Speicherdauer verändert bzw. verlängert habe und nannten uns als Beispiel die Ortsvereinsvorsitzenden, die früher als Wissensspender fungierten und in den local communities wussten, wer mit verheiratet ist, wer welchen Beruf ausübt oder wer schon sein ganzes Leben lang die democratic party unterstützt und somit ihre eigene Zielgruppenanalyse durchführten. Dieses Argument hält aber dem Vorwurf des Missbrauchs der Daten kaum stand. Vielmehr erklärte uns Messner, dass seine Firma versuche die Wähler*innen zu überzeugen ihre Daten freiwillig weiterzugeben, indem man auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehe und ihnen damit das Gefühl geben würde, gehört zu werden. Hillary Clintons Kampagne besticht vor allen Dingen dadurch, dass sie Daten der Mitglieder der Democratic Party nutzt um Volunteers zu gewinnen. So wurde jedem Mitglied eine Email gesendet, mit einer Art reminder an welcher Veranstaltung man schon einmal teilgenommen hatte und sie daran erinnert wie sie die jetzige Kampagne unterstützen könnten. Die Gewerkschaften erzählten uns bei einem Treffen ähnliches, jedoch nutzen sie SMS statt Mails um ihre Mitglieder zu aktivieren.

Nach dem Gespräch wollte uns Heather Brown, eine der beiden Gründer*innen von Modern Action Strategies, die uns die ganzen 5 Tage begleitete, zeigen wie eine echte D.C Office Lunch Hour aussieht. Deshalb ging es direkt weiter zum Farragut Square einem der vielen öffentlichen Plätze in D.C. (mit Free Wifi-yay) der zur Mittagszeit von food trucks und Anzugsmenschen umgeben war. Von da aus liefen wir Richtung Capitol, wo Daraka Larimore-Hall und Heather Brown uns ihre Politikberatungsfirma Modern Action Strategies vorstellten. Die beiden haben unter anderem schon die hessische SPD oder auch die norwegische Arbeiderpartiet im Wahlkampf unterstützt. Im Vordergrund ihrer Arbeit steht vor allen Dingen das grassroots campaigning, dass sie als heart & soul des Wahlkampfes bezeichnen, weil man der Kampagne so ein Gesicht gibt und auf individuelle Fragen der Wähler*innen eingehen kann. Abends besuchten wir dann noch das Democratic National Commitee HQ um uns mit Vertreter*innen des youth caucus (caucus steht an dieser Stelle für eine polit. Interessensgruppe innerhalb einer Partei) und der Kampagnenleitung zu treffen und uns über deren Arbeit auszutauschen.

Nach einem ersten spannenden aber auch vollgepackten Tag ging es am Abend etwas ruhiger zu. Wir besuchten einige der zahlreichen Denkmäler Washington D.C. wie das zu Ehren Franklin D. Roosevelts oder das Vietnam Veterans Memorial. Am meisten beeindruckt hat mich das Lincoln Memorial. Dort im Dunkeln auf den Stufen zu sitzen und zu wissen, dass dort Martin Luther King im Sommer 1963 zu über 250 000 Menschen gesprochen hat und ein Ende des Rassismus in Amerika mit den Worten „I have a dream“ einforderte, war ein echtes Highlight.

Der nächste Tag begann nach typisch amerikanischem Frühstück mit einem Treffen der Executive Vice President der Young Democrats of America (YDA) Constantina Meis. Sie führte uns einerseits in die Strukturen der Jugendorganisation ein und erklärte uns beispielsweise, dass es auf bundesstaatlicher Ebene anstatt einem Vorsitzenden immer eine Doppelspitze gibt. Zusätzlich haben wir uns über Formen der Mitgliederwerbung ausgetauscht. Die YDA setzen insbesondere darauf, dass ihre Vorsitzenden auf nationaler Ebene die einzelnen countys und states regelmäßig besuchen was hinsichtlich der Größe der Vereinigten Staaten unumgänglich ist um so die Netzwerke untereinander aufrecht zu erhalten. Ein weiteres Tool, das die Organisation nutzt um politische Bildung trotz der großen Entfernungen anzubieten sind Webinare & tool kits. Die YDA sind nicht mehr Teil der demokratischen Partei wie die College Democrats of America sondern haben sich 2002 abgespalten. Sie haben ca. 150 000 bis 200 000 Mitglieder die zwischen 14-36 Jahren alt sind, davon sind 30% Frauen. Der restliche Tag diente zur Weiterreise nach Columbus, Ohio. in 6h durch 6 Staaten zu fahren war definitiv ein Highlight gerade wenn man an so wunderschönen Plätzen vorbeikommt, wie beispielsweise dem Shenandoah National Park. Weniger amüsant waren dann die „Lock her(Hillary Clinton) up“ Schilder in West Virginia, die uns einen Vorgeschmack auf so manche Trump Supporter die wir beim Haustürwahlkampf dem sogenannten canvassing in Ohio erlebt haben, gegeben haben.

DLCC Dann war es endlich Zeit für den praktischen Teil der Reise, denn wir besuchten direkt am nächsten Tag das HQ der Hillary Clinton „Get out the Vote“ Campaign in Columbus. Wir bekamen ein Training des dortigen Campaign Teams, die uns für den Haustürwahlkampf fit machten indem sie uns do’s und don’ts des doorknockings erklärten und uns die Bewerber*innen für den Senat vor Ort und deren Programm vorstellten. Mit unseren walking kits, die auch Registrierungsformulare und Commit-to-vote Karten beinhalteten mit denen wir Volunteers werben sollten, wurden wir dann von unseren Fahrer*innen zu unseren Siedlungen/Blocks gebracht. Ich persönlich war in einer Siedlung unterwegs in der größtenteils Menschen somalischer Herkunft wohnten und war mit einer Genossin der niederländischen Jonge Socialisten unterwegs, die glücklicherweise Somali sprechen konnte. Die Menschen waren so freundlich, dass wir natürlich sofort ein großes don’t ignorierten und Tee im Tausch gegen das Ausfüllen der Registrierungsformulare annahmen. Beim canvassing ist mir bewusst geworden, dass die Registrierung zur Wahl für viele Wähler*innen eine gewaltige Hürde darstellt. Teilweise war es sehr schwer von manchen Personen alle Daten für die Wahlregistrierung zu bekommen. Gerade Frauen und People of Colour haben es schwerer wenn sie ID oder Führerschein vorweisen sollen, da deren Löhne im Schnitt weit unter denen ihrer weißen bzw. männlichen Mitbürger*innen liegen können sich die meisten kein Auto leisten. Hinzu kommt das diese Minderheiten meist in urbanen Gebieten wohnen und sich das Geld für ein Auto sparen, indem sie den öffentlichen Nahverkehr benutzen. Wenn dann in Ohio noch hinzukommt, dass sich aufgrund des federal law die Wähler*innen, die das erste Mal 2008 bei der Wahl Barack Obamas gewählt haben neu registrieren müssen, fragt man sich ob diese Hürden nicht absichtlich bestimmten Zielgruppen in den Weg gelegt werden. Anschließend starteten wir das phonebanking. Nach einem kurzen briefing von field officers im HQ bekamen wir Listen mit Nummern und Adressen von Mitgliedern bzw. Unterstützer*innen der Demokraten und versuchten einerseits herauszufinden ob sie immer noch die Demokraten bei den anstehenden Wahlen im November unterstützen und sie zusätzlich als Volunteers für die Kampagne zu gewinnen.

Abends trafen wir uns noch mit den örtlichen Vorsitzenden der Young Democrats zur Happy Hour. Diese erklärten uns, wie das System des early votings in den USA funktioniert, da Ohio zu den 37 Staaten gehört, die daran teilnehmen. Dort können Wähler*innen 35 Tage vor dem eigentlichen Wahltag ihre Stimme abgeben. Ohio wird oftmals als wichtigster swing state erachtet, da der Staat jeden einzelnen Gewinner der Präsidentschaftswahlen seit 1960 gewählt hat und für 28 der 30 letzten Präsidenten gestimmt hat. Deshalb „as Ohio goes, so goes the nation.“

Ohio Labour Day ParadeMit dem praktischen Teil ging es auch am nächsten Tag weiter als wir nach Cleveland, Ohio zur alljährlichen Labour Day Parade fuhren. Dort erhielten wir Campaign Shirts des dortigen Bewerbers für den Senat, Ted Strickland, und durften an der Parade teilnehmen. Danach ging es weiter zur Rallye von Hillary Clinton, dort durften wir drei Stunden in der Sonne ausharren, sunburn included, aber die open mic Bühne mit Spoken word acts und musikalischer Unterhaltung machte das Warten erträglich. Nachdem einige örtliche Politiker*innen und Gewerkschaftsvertreter*innen gesprochen hatten, betrat Vizepräsidentschaftskandidat Tim Kaine die Bühne. Er bereitete die Menge auf die Präsidentschaftskandidatin vor und betonte Clintons Errungenschaften als Secretary of State. Trump bezeichnete er als Sexisten und Lügner und machte klar dass vernünftige Menschen diesen Mann nicht guten Gewissens wählen können. Programmatisch setzte er auf die Themen Bildung, Wirtschaft und Gerechtigkeit indem er sich für eine debt free college education, eine Erhöhung des Mindestlohns oder auch equal pay aussprach. Zu Marvin Gaye &Tammi Terell‘s “Ain’t no mountain high enough” folgte dann Hillary Clinton, die von vielen zwar frenetisch gefeiert wurde, sich jedoch ein paar Bernie-Rufe gefallen lassen musste. Die krasse Personalisierung des Wahlkampfs ist schon gewöhnungsbedürftig und kaum übertragbar auf Deutschland, zumindest kann ich mir schlecht vorstellen, dass sich ein Schwarzmarkt für Sigmar Gabriel-Fanshirts lohnen würde?!

rallye In Clintons Rede wurde vor allem deutlich, wie sehr sie davon profitiert, dass ihr Gegenkandidat Trump größtenteils durch katastrophale Aussagen auffällt. Sie stellte ihn dar als einen Mann der Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, people of colour und das Militär diskriminiere und betitelte ihn als unqualifiziert für den Posten des Präsidenten. Sie selbst fokussierte sich auf die Themen Arbeit und Familie und brachte zum Ausdruck, dass sie es allen Menschen ermöglichen will, Teil des amerikanischen Traums zu sein ganz im Sinne des melting pots.

Nach der rallye ging es für uns wieder zurück Richtung Washington D.C. Dort haben wir uns abschließend noch einmal mit themenbezogenem Wahlkampf beschäftigt und mit Aktivist*innen, die sich für restriktivere Waffengesetze einsetzen getroffen. Insbesondere das Gespräch mit einem Opfer von Waffengewalt deren Mutter bei einem massshooting in Oregon umkam, hat uns ziemlich wütend gemacht. Für viele von uns war es unverständlich, dass nicht über ein Waffenverbot diskutiert wird sondern „nur“ über eine Reform der background checks oder trafficking bills wenn jeden Tag 90 Menschen aufgrund von Waffengewalt in den USA ums Leben kommen. Mich hat es erschreckt, dass eindimensional nur darüber geredet wird wie man restriktivere Waffengesetze schafft anstatt auch präventiv vorzugehen und anfängt zu analysieren warum insbesondere Männer zu Tätern werden. Danach fuhren wir weiter zum HQ der AFL-CIO (American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations) wo wir uns mit Vertreter*innen von verschiedenen Gewerkschaften über deren Unterstützung von Hillary Clinton’s Wahlkampf austauschten und über die Korrelation zwischen dem Rückgang an Mitgliedern, der schrumpfenden Mittelschicht und der rapide angestiegenen Rate der top1% Einkommen sprachen. Anschließend gab es einen Inputvortrag von Steve Pierce von Hattaway Communications zum Thema „Social Media and Messaging that resonates with voters“, der uns die Methode des strategic storytelling anhand von Wahlwerbespots näher brachte. Zu guter Letzt nahm sich der Political Director der National Abortion & Reproductive Rights Action League Zeit um sich mit uns über „Power & the gender gap“ zu unterhalten. Er machte deutlich inwiefern das Thema Abtreibung aber auch allgemein der Themenbereich Gender die Wähler*innengunst beeinflussen. Gerade diese letzte Session bei der wir zu Anfang die größte Frauenorganisation und deren Forderungen in unseren Ländern nennen sollten führte uns vor Augen, dass selbst wenn wir aus 16 verschiedenen Ländern nach D.C gereist waren unsere Ideale sich ähneln und wenn wir gemeinsam dafür kämpfen, stärker sind. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass die Wähler*innen sich für die Kandidatin entscheiden die einen Wahlkampf der issues nicht der insults führt. Hill yes!

Be Sociable, Share!

Ein Kommentar