The Divided States of America-Hill no!

Social Media zu überfliegen an diesem Morgen ist schmerzhaft. Nicht nur, weil ich noch vor einigen Wochen selbst für Hillary Clinton geworben habe. Weil ich es kaum erwarten konnte, jeden Morgen an dem Bild vor der Unibibliothek, das alle Präsidenten der Vereinigten Staaten zeigt, die erste Frau zu sehen. Keine wie Merkel, die sich nicht für die Belange der Frauen einsetzt, sondern eine, die einer Generation von jungen Frauen als role model gedient hätte. Die schon als First Lady erklärt hat, dass Frauen nicht nur zum Dekorieren des Hauses oder zum Cookies backen qualifiziert sind. Es tut nicht nur deshalb weh, weil die Republikaner den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten stellen werden und auch der Kongress weiterhin von ihnen dominiert sein wird. Es tut weh, weil Donald Trump mit einer Form von Wahlkampf die Amerikaner*innen überzeugt hat, die vor allem dadurch geprägt war, Menschen auseinander zu treiben und sie gegeneinander aufzuhetzen. Ganz nach dem Motto: Ellenbogen raus! Mehr ich, statt mehr wir.

Dieses Ergebnis kommt einem Backlash, einem Einschnitt in der Geschichte der westlichen Demokratie gleich. Dieses Ereignis wird Amerika eine Periode ökonomischer, politischer und sozialer Unsicherheit bescheren, die wir uns momentan noch nicht vorstellen können. Aber dieser Wahlerfolg ist auch Teil eines Phänomens, das nicht allein ein amerikanisches ist: Dass sich vor allem weiße, ältere Männer für den Kandidaten entscheiden, mit dem sie sich am meisten identifizieren können, der ihre Identität bewahren wird. Nach zwei Legislaturperioden in denen sie von Obama, einem schwarzen Präsidenten, regiert wurden, der ihr Land in der Welt repräsentiert hat. Ein Demokrat, der sich eingesetzt hat für die Gleichberechtigung der Geschlechter und in dessen Legislaturperiode die Ehe für homosexuelle Paare eingeführt wurde.

Diese Risse in der Gesellschaft und der Wahlkampf, den Trump geführt hat, erinnern doch sehr an Tendenzen, die wir auch hier in Europa erleben. Die Mittelschicht leidet darunter, dass eine Entsolidarisierung stattfindet. Anstatt das politische System reformieren zu wollen oder kapitalistische Arbeitsweisen zu reflektieren, breitet sich Angst aus und lähmt die Menschen. Anstatt dass sie partizipieren, schotten sie sich ab und projizieren ihren Hass auf Menschen anderer Herkunft, Religion oder anderen Geschlechts. Die Trump-Wähler*innen sind vielfach Protestwähler*innen. Es sind Wähler*innen in vor allem ländlichen Gegenden, die patriarchale Strukturen und ethnische Hierarchien zementieren wollen. Natürlich sind die Demokraten auch nicht unschuldig daran, dass sich vor allen Dingen Wähler*innen der Working Class für Trump als Retter entschieden haben. Hillary Clinton als Frau, die dargestellt wurde als Gehilfin der Wall Street, als Verkörperung des Establishments konnte den Durchschnittsamerikaner, der verängstigt ist durch wirtschaftliche Unsicherheit, die Globalisierung und Digitalisierung, nicht erreichen. Die Tatsache, dass Trump selbst traditionelle Republikaner wie Mitt Romney oder George W. Bush mit seiner Rhetorik verschreckt hat, hat ihm insofern noch geholfen, dass er sich somit von der politischen Elite abheben und zu einer Identifikationsfigur der Abgehängten werden konnte.

Mit seinen rassistischen Äußerungen hat er insofern Lösungen angeboten, dass er Hispanics, African Americans und illegale Migrant*innen für die Probleme dieser verunsicherten Menschen verantwortlich gemacht hat. Anstatt sich gegen das kapitalistische System aufzulehnen, gegen die, die keine Steuern zahlen (wie Trump selbst) und Schlupflöcher nutzen, projizierte Trumps Kampagne den Hass auf andere. Er holt die ab, die sich mit ihm, dem wirtschaftlich erfolgreichen Mann identifizieren können, in einer Welt, in der wirtschaftlicher Erfolg und Status höher angesehen sind als beispielsweise etwas für Andere zu tun. In der posieren willkommener ist als zuhören und andere Menschen mit weniger Privilegien zu Wort kommen zu lassen. Trump hat die Amerikaner*innen überzeugt, die weniger Staat wollen, keine Eingriffe in den Arbeitsmarkt benötigen, die vielmehr Trump als achiever des American Dreams ansehen, einen Mann, der dadurch in Amerikas Medienlandschaft bekannt wurde, indem er jede Woche Menschen aufs Neue verkündete: You’re fired. (Irony off)

Während Hillary Clinton sich dafür einsetzen wollte, dass alle den American Dream leben dürfen, hat Trump ihn reserviert für all diejenigen, die die Zensur der Linken (ja, auch Sanders) und Liberalen satt haben.

Wie muss sich Hillary Clinton jetzt fühlen? Wahrscheinlich wie jede Frau. Wir alle haben es schon erlebt, dass wir trotz unserer besseren Qualifizierung gegen einen Mann verloren haben, der eigentlich keine Ahnung hat. Ich weiß, wir sind weit davon entfernt in einer Welt ohne patriarchale Strukturen zu leben, aber das Ausmaß an Kritik an Hillary Clintons Person war außergewöhnlich. Ich erinnere daran, dass sie ihre komplette Krankenakte offen legen musste. Und auch die E-Mail-Affäre, zu der das FBI eine Woche vor der Wahl erklärte, sie sei keine gewesen, zeigt doch, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wurde. Hinzu kommen Trumps Aussagen, in denen er damit angegeben hat, Frauen ohne deren Einverständnis angefasst zu haben, sowie die Vergewaltigungsvorwürfe.

Ich frage mich, in welcher Welt wir leben, wenn der Hälfte der Wähler*innen solche Aussagen nichts ausmachen. Hillary Clinton war die Kandidatin, die es niemanden Recht machen konnte, für viele Konservative erschien sie schon in den 1990ern zu radikal, die Progressiven verwehrten ihr jetzt in Teilen die Unterstützung (aufgrund ihrer außenpolitischen Entscheidungen) und das hat sie Stimmen gekostet. Sie hat mit der Wall Street zusammengearbeitet, während Bernie Sanders gegen sie ankämpfen wollte. Ich lese heute Morgen auch von Vielen, Bernie Sanders hätte gegen Trump gewonnen. Nein, dem stimme ich nicht zu. Die Mehrheit der Trump-Wähler*innen, die weißen Männer haben sich gegen das aufgelehnt, wofür auch Bernie Sanders stand.

Wir müssen uns auch fragen, ob Trumps Erfolg vielleicht auch damit zusammenhängt, wie die Medien Wahlkämpfe begleiten. Wie viel Zeit und Raum wurden einem sowieso schon überprivilegierten Mann aufgrund seiner provokanten Messages gegeben? Wir haben selten einen Wahlkampf gesehen, indem Statistiken so wenig zählten und so sehr mit Lügen und Verschwörungstheorien gearbeitet wurde, um Gegner*innen zu schwächen.

Was erwartet uns nun? Wir wissen es nicht, und genau das ist das Problem. Die Ängste haben sich heute Morgen verschoben: Die, die von Angst geplagt waren und um ihren Status fürchteten, frohlocken, weil sie dem Establishment gezeigt haben, wie viel Macht sie noch haben. Sie denken, Trump wird es schon richten. All diejenigen, gegen die Trump gehetzt hat, fürchten nun um ihre Rechte und Freiheiten. Die Millenials, deren überwältigende Mehrheit für Hillary Clinton gestimmt hat, werden sich fragen, inwiefern ihre Zukunft von einer Präsidentschaft Trumps beeinflusst werden wird. Außenpolitisch könnte das Abschottung heißen, die Fortschritte, die in der Umweltpolitik unter Obama gemacht wurden, könnten revidiert werden, Institutionen wie Planned Parenthood könnten ihr Funding verlieren, Steuererleichterungen werden dazu führen, dass soziale Sicherungssysteme zurückgefahren werden. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zu Obama, dessen Pläne oftmals durch den von Republikaner dominierten Kongress blockiert wurden, kann Trump mit wenigen Veto-Spielern regieren. Selbst wenn er nicht das umsetzt, was er angekündigt hat, dann bleiben diese Gräben zwischen Menschen bestehen, die er eingerissen und für seinen persönlichen Erfolg genutzt hat. Die Unterstützer*innen bleiben, die sich nicht abgewendet haben, als er es sich herausgenommen hat Frauen ohne ihre Zustimmung anzufassen, die USA außenpolitisch abschirmen zu wollen mithilfe von Mauern, der mehr statt weniger Atomwaffen fordert, der eine ganze Gruppe aufgrund ihrer Herkunft als Vergewaltiger betitelt.

Viele in meiner Timeline und auf Twitter fragen sich heute Morgen, ob sie das Land kennen, in dem sie leben. Ja, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich der öffentliche Diskurs nicht nur in Amerika, sondern global verändern hat. Lange Zeit war eine populistische Rhetorik Trumps, die so viel gemeinsam hat mit den Aussagen von rechten Gruppierungen, die in Europa vermehrt ihren Weg in die Parlamente finden, glücklicherweise nicht möglich. Es scheint, dass man mehr und mehr zulässt, dass die homophoben, sexistischen und faschistischen Tendenzen nicht mehr länger im Privaten existieren, sondern ausgesprochen werden, ohne dass man dafür diffamiert wird.

So sehr ich Menschen verstehe, die diesem Albtraum einfach entfliehen wollen: Bleibt und kämpft für die, deren Stimmen stumm geschaltet werden sollen! Solidarisiert euch mit denen, die Trump zu „den Anderen“ gemacht hat. Die African Americans, die Hispanics, die Frauen, die Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens. Geht auf die Straße und verschafft euch Gehör. Geht in die Schulen und klärt auf über Sexismus, Antisemitismus und Rassismus!

Aber diese Aufforderung gilt auch für uns: Wir müssen uns jetzt mehr denn je einsetzen für ein soziales Europa, ein Europa in dem alle Platz finden, in dem Herkunft, sexuelle Orientierung, sexuelle Identität und Disabilities keine Rolle spielen. In dem wir nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Weil wir eine historische Verantwortung haben dieses Friedensprojekt nicht scheitern zu lassen!

Mit der Bundestagswahl im nächsten Jahr müssen wir uns fragen, wie wir diesem Rechtsruck entgegenwirken können. Wie wir es schaffen die Menschen, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlen, die von Rechtspopulist*innen angesprochen werden, wieder an uns binden können.

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Ein Kommentar

  1. Andy sagt:

    Wähler*innen haben gewählt, sollte doch jetzt gut sein oder?
    Gebt den Menschen*innen genug Geld*innen zum leben und aus die Maus*innen! Für jeden Job*innen findet sich ein Arbeiter*innen, solange die Bezahlung*innen stimmt! Evtl braucht man grade dafür die Zuwanderung*innen, um billige Lohnsklaven*innen für die Industrie*innen zu generieren um sie uns später als Facharbeiter zu verkaufen!
    Au Back, das wird noch einen Spass geben 😀

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