Das Gesicht des deutschen Faschismus im 21. Jahrhundert

Foto: Anthony Easton; https://www.flickr.com/photos/pinkmoose/

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In ein Dresdner Brauhaus hatte die „Junge Alternative“ den Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke am 17. Januar eingeladen. Die Führungsfigur des besonders rechten „Flügel“ in der AfD in der „Hauptstadt des Widerstands“, wie es in der Einladung der JA heißt. Die Anspielung auf den nationalsozialistischen Ehrentitel für die bayerische Landeshauptstadt München – „Hauptstadt der Bewegung“ – ist kein Zufall. Keine Frage: Da will jemand provozieren. Da will jemand ganz gezielt Aufmerksamkeit generieren.

Soll man trotzdem über diesen Auftritt von Björn Höcke schreiben und zur gewünschten Aufmerksamkeit beitragen? Ja, man muss darüber schreiben. Denn es handelt sich nicht um irgendeine x-beliebige Rede eines AfD-Funktionärs und auch nicht um das hundertste aufmerksamkeitsheischende Sharepic einer AfD-Lokalgliederung. Höckes Dresdner Rede zeigt, wofür ein immer größerer und immer radikalisierterer Teil der AfD steht und kämpft: Das Ende der Bundesrepublik und einen autoritär-völkischen Staat.

Höcke lässt in seiner Rede nichts aus, was zum ideologischen Kern der extremen Rechten in Deutschland gehört. Das Holocaustmahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“, Teil einer „dämlichen Bewältigungspolitik“, die das deutsche Volk lähmt. Doch es geht Höcke nicht nur um einen Schlussstrich, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ brauche es, damit Deutschland zu alter Größe zurück findet. Wie Erinnern zukünftig aussehen soll, macht er ohne Umschweife deutlich: „Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes, als uns unsere kollektive Identität rauben.“ Welche Identität will einer zurück, dem die Bombardierung nationalsozialistischer Städte als Identitätsraub erscheint, wenn nicht eine nationalsozialistische?

Und es geht weiter: „Man wollte uns mit Stumpf und Stil vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das dann auch fast geschafft.“ Nicht etwa das nationalsozialistische Deutschland hat also einen Vernichtungskrieg geführt, es musste ihn erleiden. Entnazifizierung (wie lückenhaft auch immer) und Re-Education? In der Diktion Höckes nichts weiter als systematische Umerziehung. Was der AfD-Politiker in Dresden betreibt, ist Geschichtsrevisionismus so übel, dass man auch bei NPD und Konsorten kaum eine Steigerungsform findet.

Doch Höcke geht es um weit mehr als Geschichtspolitik, er will das Völkische des Nationalsozialismus rehabilitieren. Das deutsche Volk sei „durch den Geburtenrückgang sowie die Masseneinwanderung erstmals in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht“. Die Reinhaltung der Rasse als Existenzkampf des deutschen Volkes, drunter macht der AfD-Funktionär es nicht.

Die Bundesregierung sei „zum Regime mutiert“, deshalb stellt Höcke seinen begeisterten ZuhörerInnen die Gewissensfrage: „Wie habe ich mich gegenüber einem Staat zu verhalten, dessen Regierung kapitale Rechtsbrüche begeht, die Verfassung missachtet, sich willkürlich über geltende Gesetze erhebt und im Namen einer verhängnisvollen Ideologie verantwortungslose Politik gegen das eigene Volk betreibt?“ Höcke impliziert: Eine illegitime Regierung aus Volksverrätern – da wird Widerstand zur Pflicht und demokratische Verfahren zur Makulatur.

Das ist Höckes Weltbild: Die AfD als „fundamentaloppositionelle Bewegungspartei“ und einzig legitime Stimme des Volkes im Kampf gegen alles und jeden, der nicht ihrer Meinung ist und folglich Verrat an Volk und Vaterland begeht. Oder in seinen eigenen Worten: „Die alten Kräfte … lösen unser liebes deutsches Vaterland auf wie ein Stück Seife unter einem lauwarmen Wasserstrahl. Aber wir, liebe Freunde, wir Patrioten werden diesen Wasserstrahl zu drehen, wir werden uns unser Deutschland Stück für Stück zurück holen.“

Wie man sich das konkret vorzustellen hat? Auch das sagt Höcke in unverholener Offenheit: „Ich weise dieser Partei einen langen und entbehrungsreichen Weg, aber es ist der einzige Weg, der zu einem vollständigen Sieg führt, und dieses Land braucht einen vollständigen Sieg der AfD.“ Ganz klar: Da ist kein Platz für verschiedene Meinungen, für demokratischen Streit und Pluralismus. Es geht um den vollständigen Sieg über den politischen Gegner, um die Machtübernahme um jeden Preis. Damit das auch beim Letzten ankommt setzt Höcke noch einen oben drauf: „Die AfD ist die letzte evolutionäre, sie ist die letzte friedliche Chance für unser Vaterland.“ Die logische Schlussfolgerung, die sein Publikum ziehen soll und muss lautet: Schafft es die AfD jetzt nicht auf parlamentarischem Weg, dann lautet die Alternative Machtergreifung durch Bürgerkrieg.

Geschichtsrevisionismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Das Ziel einer reinrassigen Volksgemeinschaft, erkämpft durch eine nationalistische Bewegungspartei, die demokratische Verfahren bestenfalls als Instrument auf dem Weg zum vollständigen Sieg begreift und im Existenzkampf des deutschen Volkes zum Widerstand gegen das illegitime demokratische „Regime“ aufruft – was Höcke ausbreitet ist ein faschistisches Programm. Daran kann spätestens seit dem 17. Januar 2017 kein Zweifel mehr bestehen und daran gibt es auch mit Blick auf vermeintliche ProtestwählerInnen nichts zu relativieren. Wer Höckes Dresdner Rede sieht, schaut in das Gesicht des deutschen Faschismus im 21. Jahrhundert. Mit Faschisten aber redet man nicht, man bekämpft sie.

Ausreden gibt es jetzt keine mehr. Nicht für AfD-Mitglieder, nicht für AfD-WählerInnen und nicht für alle, die Schweigen oder gar klammheimlich mit der AfD kooperieren wollen. Man muss diesmal kein ganzes Buch lesen, um zu wissen, wohin es mit dieser Partei gehen soll. Es reicht, Höckes Rede auf Youtube anzuschauen oder hier nachzulesen.

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2 Kommentare

  1. Mir macht die Rethorik der AfD Angst. Während des Nationalsozialismus sind viele psychisch Kranke ermordet wurden. Auf das Gedankengut der Nationalsozialisten greift Höcke zurück. Ich will jeden psychisch Erkrankten und jeden Gesunden davor warnen eine zutiefst menschenfeindliche Ideologie zu wählen Nie wieder Faschismus! Nie wieder Auschwitz!!

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

  2. Tom sagt:

    Sicher, die AfD ist schlimm. Allerdings sollten sich SPD und Jusos mal fragen was sie selber zum entsolidarisierten und inhumanen Klima in Europa beigetragen haben. Also mir würde da der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sowie die neoliberale Schweine-Agenda einfallen. Und mit einem Kandidaten, der diesen Scheiß mitgemacht hat, wollt ihr ernsthaft eine Alternative zu Merkel sein?

    Gut oder schlecht: Daumen hoch 1 Daumen runter 0